Frank DukOwski

- Frank Dukowski
- wurde in Wuppertal geboren, arbeitete am Staatstheater, in der Nervenklinik, in engen Kellern, im Baum und im Internet, lebt in Berlin und an anderen Orten und ... glaubt an höhere Mächte. Dieser Blog soll dazu dienen, Geschichten, Gedichte, Fotos und Filmexperimente zu veröffentlichen, kurz: Dinge, die (wenn nicht in Lesungen) bislang kein passendes Podium hatten.
Dienstag, 10. September 2024
1. Fungi vom Yuggoth (von H.P. Lovecraft)
I. - XXXVI.
2. Das Buch
I. - XXXVI.
3. Die Geschichte des Necronomicon
I. - XXXVI.
4. Fracht vom Thog
I.- XXXVI.
5. Phobia!
I. - XXXVI.
6. Fungi vom Oelingrath
I. - XXXVI
7. Sonette des Lovecraft-Zirkels
I.- XXXVI.
8. Bruchstücke
Ohne Titel (R.H.B.)
Die Nacht aus Eisen, der Tag aus Schaum gemacht
Durch kleine Welten, kleinste Zeit sich dreht
Um Sonnenaugen, wie anthrazit besteht
Der Abgrund toten Sterns, wie vorgebracht
Als rechtzeitges Todeszeichen … all’ Land
Verlorner Kriegsarmee, die in den Wall
Schlägt letzte Wunde noch zum Fall
Mit schwarzer Flagge in sträubender Hand.
Und durch die Stäube sein Fleisch sich erspannt,
Wirbelt auf der guten Erden Schönheit,
Erneut versteckt, von Sonn mit Stern verwandt,
Hat Gottheit noch in irrer Heiterkeit
Den Mensch gemacht, zu lachen tags und träumen,
Missachtend Nacht, die alles kommt abzuräumen.
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Der dunkle Prophet
„Ich sehe großes Unheil auf uns kommen!
— Ich seh’ voraus, was ihr nicht kommen seht,
Denn ich kann lesen, was geschrieben steht.
Ich sehe klar, wo ihr nur seht verschwommen.
Es offenbart sich Sehenden und Frommen,
Worum das Schicksal sich beständig dreht,
Wohin Geschichte unabwendbar geht,
Welch Stimme schallt, die nächtlich ich vernommen.
Denn um die Zukunft ist es schlecht bestellt!
Es bricht, was unsre Welt zusammenhält.
Es kommt ein böser Wind der westwärts weht.
— Ich sehe einen neue, dunkle Welt,
Wo der Verstand in sich zusammenfällt.“
So spricht Abdul Alhazred, der Prophet.
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Tradierung
Wenn Dürre, Feuer, Krankheit, Sturm und Flut,
Auch Hunger, Kälte, Armut, Inflation,
Versehrtheit, Schmerz und Wunden, Depression,
Dazu noch was der Mensch dem Mensch antut,
Wie Mord und Totschlag, Missbrauch, Nötigung —
Uns droht, schützt keine Macht der Welt;
Letztlich Gesetz nicht, Gott nicht, nicht das Geld …
Doch aus der Not hilft uns Bestätigung.
So öffnen wir die Augen und die Ohren.
Wir wollen nicht, doch müssen es erfahren,
Um zukünftig davor uns zu bewahren.
Das Schlimme wird tradiert, heraufbeschworen.
Gemeinsam ruft’s in uns: Das darf nicht sein!
Geteilte Angst macht weniger allein.
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Es werde Angst!
Angst ist Erinn’rung an Schmerz, der noch komm,
An unerträgliche Hilflosigkeit,
An Schrecken der in uns, erfahrenes Leid,
Bedrohlich von Fern entkommenes Om,
Versprechen enttäuschter Unversehrtheit,
Von allem, was je die Seele verbrannt,
Vervielfältigt weiter als je bekannt,
Verlust allen Wohlseins auf kommende Zeit.
Angst ist die Grenze, wo Freude vergeht,
Wo, ob oder nicht, Grund zur Warnung besteht.
Empfinden wir Glück, soll enden es nie; —
Verlieren wir Glück, wird Angst ausgesät.
Angst macht Befürchtung zur Realität:
Die Angst, dunkles Feuer der Fantasie!
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I. Frisch aus dem Garten
Sonette! — Leute, kauft sie ein: Sonette!
Wir haben hier Sonette aller Arten.
Auch frische Ware aus dem eignen Garten.
Sonette, wie sie jeder gerne hätte!
Es ist die beste Zeit für ein Sonett,
Der Garten steht in aller vollster Pracht.
Ich ernte sie ihm Stillen in der Nacht,
En Gros, als Einzelstück und im Septett.
In meinem dunklen Garten ist der Boden
Gedüngt mit alten Worten und maroden
Gehölzen, gebeizt im Moder der Zeit.
Greift zu! — Wo sie doch grad so gut gedeih’n!
Kauft mehr und lagert sie zuhause ein.
Lasst sie euch nicht entgeh’n, die Köstlichkeit!
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Das Spiel
Komm her, so winkt das Buch, wir spielen.
Ich kenn ein feines Spiel mit Namen Angst!
Ich gebe Dir, was immer du verlangst,
Kannst Du in diesem Spiel den Sieg erzielen.
Du musst dazu die Zeichen nur erkennen,
Die Schrift entziffern und in Reihe bringen.
Doch Vorsicht, denn aus ihren Worten springen
Stets Dinge, die wir nicht beim Namen nennen.
Komm her! Ich hab die Karten schon gemischt,
Bei Kerzenlicht den Spielplan aufgetischt,
Und bist Du klug, wird Dir der Sieg zuteil.
Doch aufgepasst: Es ändert sich das Ziel,
Wenn ich den unbekannten Joker spiel’.
Dann kostet Dich der Sieg Dein Seelenheil.
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XXXIII. Metrophobia
Es sei gewarnt ein jeder, der es liest,
Dass ein Gedicht ist stets wie ein Gebet,
Und es ein Hauch von Zauberspruch umweht,
Wenn man erkennt, was hinter Worten ist.
Wer weiß, was dieses Wort heraufbeschwört,
Was vorher war durch Wortes Macht gebunden,
Und grade in geheimnisvollen Stunden
In seiner ew’gen Ruhe ward gestört.
Abrakadabra, Mahabharata . . .
Gesetzte Worte, die wir nicht versteh’n,
Das Magna Mater Imaculata
Lässt uralte Welten wieder entsteh’n —
Spürt ihr denn gar nicht, dass, wenn es sich reimt,
Befremdende, schreckliche Wahrheit keimt?
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I. Das Wüstenflüstern
Im Anfang war das Wort, das Wort im Traum
Und ganz im Traum war das Wort im Anfang
Und alles entstand durch des Traumes Drang
Und das Traumwort drang in den wüsten Raum.
Im Anfang war der Weltraum wüst und leer
Und das Traumwort erscholl in der Wüste,
Wo die Leere den Träumer begrüßte.
Das Wort fegte durch die Ödnis einher.
Was nicht durch das Wort kam, das wurde nicht.
Der Traum war das Dunkel und das Licht.
Im Grauen der Traum aus der Leere erklang.
Die Menschen erreichte das Wort als Flüstern.
Es wisperte verführerisch und lüstern,
Doch älter als Menschheit war der Gesang.
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I. Die Angst
Das älteste, stärkste Gefühl ist Angst.
Als älteste Angst der Menschheit man nennt
Die Angst vor den Dingen, die man nicht kennt:
Das Unbekannte, vor dem Du stets bangst.
Das Unvorhersehbare war ein Quell
Von Segen wie von Unannehmlichkeiten,
Die höhere Mächte immer bereiten,
Die also nicht irdisch sind, substanziell.
Da nichts wie Schmerz und Tod uns prägen kann,
Im Unbekannten ahnt Gefahren man,
Wie Kinder sich fürchten bei Dunkelheit.
Vor Welten fremden Lebens wir erbeben,
Vor dem, was jenseits der Sterne könnt' leben,
Vor Dimensionen blasphemisch und weit.
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I. Phobophobia
So drückte es ein kluger Kopf einst aus:
„Das Einzige zu fürchten ist die Angst.“
Die Urgewalt, die nie Du ganz bezwangst
Verschwindet niemals — und sie will heraus!
Die meisten Ängste bleiben unerkannt,
Sind unterschwellig und irrational,
Sind angeboren oder pränatal,
Oft wo ein Kind die Finger sich verbrannt’.
Darunter aber brodelt ein Vulkan.
Die ganze Welt fasst Dich bedrohlich an,
Hast Du den wahren Angstschweiß erst gerochen …
Die blanke Angst lässt Menschen planlos wüten,
Der Blumen des Bösen gewaltige Blüten.
Und wehe, wenn die Angst ist ausgebrochen!
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II. Schrift
Ich fürchte, mit Schrift hat es angefangen,
Gedankengut fixiert und doch befreit,
Dass wer es liest, davor sei nicht gefeit.
Jahrtausende es uns noch kann erlangen,
Dass sich der Geist erhebt aus seiner Zeit
Und anderswo wird irgendwann gelesen.
Man kann daran erkranken und genesen.
Es bleibt! — sei es auch höchst vermaledeit,
Gleich Spuk in längst verlassenem Gemäuer
Im Schriftstück Etwas, das nicht ganz geheuer,
Wird geisterhafter noch mit seinen Jahren.
Es mag so — so es ewiglich noch liegt,
So lange jemand liest — die Zeit besiegt, —
Belebt sein, was wir besser nicht erfahren.
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I. Das Buch
Der Ort lag dunkel, einsam und verstaubt
In Wirrnis alter Gassen nah den Kais,
Wo krause Nebelschwaden krud im Kreis
Um Treibgut wirbeln, das der Westwind klaubt.
Die Rautenscheiben, stumpf von Rauch und Eis,
Sie zeigten Bücherstapel, hochgeschraubt
Wie krumme Bäume zum Dach hoch, entlaubt —
Zerbröselnden Wissens zu kleinem Preis.
Gebannt trat ich ein und nahm neben mir
Den nächsten staub’gen Wälzer der zur Hand,
Durchblätterte erregt, was Worte hier
Monströses verbargen, wenn es erkannt.
Den alten Händler finden ich gedachte,
Doch fand ich eine Stimme nur, die lachte.
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Die Stimme
Die Stimme sagt, ich dürfe keinem trauen.
Ich darf nicht drüber sprechen, doch ich sei,
Wenn es so weit ist, jedenfalls dabei,
Ihr dunkles Königreich mit aufzubauen.
Die Stimme sagt, sie sei von sehr, sehr weit
Jenseits der Sternenleere hergekommen.
Erst hab ich sie im Traum nur wahrgenommen,
Wir sind derweil die meiste Zeit zu zweit.
Auch wenn die alten Freunde mich jetzt schassen,
Kann auf die Stimme ich mich abgrundtief verlassen.
Ich weiß, sie wird die Menschheit bald erlösen,
Wenn erst die Sterne wieder günstig steh’n.
Wir werden uns in Lust und Mord ergehen
Jenseits des Guten und jenseits des Bösen.
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III. Die Formel
Das Buch lag einfach aufgeschlagen da,
Im letzten Viertel auf der Seite links,
Geheimnisvoller noch als jede Sphinx;
Ein Diagramm im Kern höchst sonderbar.
Es war die Formel, eine Anleitung,
Der Schlüssel zu Türen, Übergängen.
Kräfte, die Raumzeit noch bezwängen,
Rissen Physik aus der Verankerung,
Nachdem ich von der Zauberformel nur
Den gröbsten Blick, den schwächsten Hauch erfuhr.
Ich hatt' das kleinste Bruchstück überflogen,
Beim Händler wollt' die Rechnung ich begleichen,
Doch dieser machte nur ein krudes Zeichen.
Es hatte mich bereits ins Buch gezogen.
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II. Verfolgung
Bemüht es zu verbergen unterm Rock,
So trug das Buch ich durch den Hafenort;
Durcheilte alten Straßen Block um Block
Nervös, und dreht' mich um in einem fort.
Aus Ziegelwänden, deren Stein schon brach,
Beäugten matte Fenster mich genau,
Mich fragend, was dahinter, sehnt' ich nach
Dem Anblick mich von reinem Himmelsblau.
Es hat mich niemand nehmen sehn — und doch,
Ein hohles Lachen wirbelt' mir im Hirn.
Ich ahnte, was aus kranken Welten kroch,
Umnachtetes dem Bande könnt entschwirr'n.
Der Weg wurd' fremd mir — austauschbar sogar —
Und hinter mir ein Tapsen, unsichtbar.
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Der Verfolger (C.A.S.)
Aus welchem tiefgespeisten Meer du steigst,
Aus Unterkörperung je unergründlich —
Für immer versiegelt sonnennachtstündlich
In Eisstrukturen — So mir du dich zeigst,
Verzweiflung, deren Name du verschweigst
Und bringst von tiefstem Tode noch verbindlich
Aus grabestiefer Wunde, dass mir schwindlig,
Verwesung, zu der ewiglich du neigst?
Oh, Form der schauernden Abscheulichkeit,
Bin ich dem Abgrund sicher nicht entstiegen,
Den niedren Sphären alter Gräulichkeit?
Du ziehst mich, weit’ren Höllen zu erliegen,
In Tränenlichtern grausig Kluft zu siechen,
Wo untot Schreckensjahre wurmhaft kriechen!
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II. Agoraphobia
Ich wünschte, es gäb’ irgendeine Ecke,
Bin schutzlos ausgeliefert diesem Ort.
Will Feind mich seh’n, so sieht er mich sofort.
Es gibt hier keinen Halt, keine Verstecke.
Das Firmament wird über mir zum Auge,
Von überall glotzt es mich spöttisch an,
Wie hungrig zieht es um mich seine Bahn
Und höhnisch giert’s, ob ich zum Mahle tauge.
Wie ich auch dreh mich und mich ständig winde
Und nicht den kleinsten Unterschlupf ich finde,
Von allen Seiten Schmach und Unbill winken.
Wie soll ich der Gefahren mich erwehren?
Nie kann ich je dagegen aufbegehren. —
Ach, könnte ich im Boden nur versinken.
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III. Der Schlüssel
Ich weiß nicht, wie gewund'ne Straßen mich
Am Ende doch noch brachten heim. Am Tor
Jedoch zitterte ich, trat ein und ich
schob blass den schweren Riegel eilig vor.
Das Buch war mein, samt dem verborg'nen Weg,
Den es durch Leere, wo der Raum sich neigt
In Welten, undimensioniert und schräg,
Äonen noch gebietend, sagt und zeigt.
Den Schlüssel hatte ich nun zur Vision
Von Wäldern brütend, Türmen, Buchten weit,
Wo jenseits unsrer Erden Präzision
Erinn'rung lauert an Unendlichkeit.
Der Schlüssel mein! — Darüber beugt' ich mich,
Doch da, am Giebelfenster rührt’ es sich.
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IV. Der Schatten
Ich wusste, was die Geräusche bedeuten,
Denn jeder erlangt’ auch einen Schatten,
Sobald sich die Tore geöffnet hatten,
Doch spätestens wenn wir sie durchschreiten. --
Die Hunde draußen meiden mich seither.
Sie spüren den Schatten, der nicht mehr wich.
Doch immer mehr vom dunklen Buch las ich --
Meine Kinder erkannten mich nicht mehr.
Denn meine Ziele waren sehr verwegen,
Dem Innersten der Finsternis entgegen
Tiefer als jegliche Fundamente
Zu finden, was dem Geist zutiefst entlegen.
Und schließlich fand ich mich auf jenen Wegen,
Die ich niemals zurückgehen könnte.
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XI. Für Goethe
Nun hab’ ich, ach! studiert: Philosophie
Und Jura, Medizin und leider auch
Theologie — Alles nur Schall und Rauch!
Sowie manch alte Mythologie.
Gebracht hat mir das alles jedoch nichts.
Ich hab’ inzwischen mehrfach promoviert,
Hab’ mehrere alte Sprachen studiert …
Wo sind die Früchte dieses Unterrichts?
Ein Habenichts, ein Taugenichts, ein Tropf
Mit nichts als krudem Zeug in seinem Kopf —
Doch dann hab’ ich in dieses Buch geschaut,
Es scheint sehr alt, die Quelle scheint arabisch.
Mir scheint zum ersten Mal: Dies Buch ist magisch.
Der Einband wirkt auf mich wie Menschenhaut!
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XI. Das Dunkel
So dunkel war es vorher nicht. -- Mehr Licht!
Ganz plötzlich ward es dunkel -- schwarze Nacht.
Die Worte haben Tag zur Nacht gemacht.
Ich sehe hier die Hand vor Augen nicht.
Doch horch! -- Abrupt wurd' es genauso still,
Geräusche des Raums wurden abgesogen,
Die Indikatoren der Zeit verflogen;
So dröhnend still, dass laut man schreien will.
Verschwunden sind das Buch, der Raum, die Zeit,
Verschwommen in schwarzer Unendlichkeit.
Die Existenz sich vehement noch sträubt.
Jedoch allen Maßstabs ist sie beraubt,
Wo Leere alle Resonanzen klaubt,
Wo dann das Nichts das Bewusstsein zerstäubt.
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Eine Vision von Luzifer (C.A.S.)
Ich sah Gestalt mit menschlich Angesicht,
Soweit es in Vergöttlichung anhand;
Tief in den Schatten, verwüstetem Land,
Verbrennung bringt sein Fuß in tiefste Schicht
Und einsamstem Bogen des Raumes, nicht
Sein Kopf den Himmel noch umspannt.
Getürmten Auges vielleicht übermannt
Den leeren Horizont ohn’ Sonnenlicht.
In ihm erkannte ich sofort den Einen,
Den traumgebor’nen, mystischen Bruder
Des Rebellen, an Maßstab unbekannt;
Das Ideal wo Geistes Sonnen scheinen
Der Zähmung Säule, in Weiten ein Ruder
Entgegen dem Dunkel, das Gott wird genannt.
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XXI. Saligia 1, Superbia Nyarlathoteps
So geht auf die Knie und leckt mir die Hände,
So lauscht meiner Worte säuselndem Sinn.
Von tausend Wesen und Worten ich bin,
Verkünder der Großen Alten Legende:
Das kriechende Chaos, der Schwarze Mann;
Ich komme als Äther, hypnotisch schön —
Verdorben sind alle, die mit mir geh’n;
Kurier der Ohnmacht und geizender Wahn —
Bin der, der nicht ist, bin alles, was nicht
Zu allem gehört, das Wahrheit entspricht.
Der dunkle Pharao von Ebenholz,
Belüge den Meister mit Flammenblick
Und wechsel die Masken zum Bubenstück.
Mein einzig wahres Gesicht ist der Stolz.
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Für Lessing
Als Faust aus seinem Buch die Höll’ beschwor,
War er begierig auf den schnellsten Geist,
Der mit ihm, ihm zur Hand, die Welt bereist.
Und sieben Teufel kamen so hervor:
— Der Erste gab sich schnell wie Feuerqualen, —
— Der Zweite war geschwind als wie die Pest, —
— Der Dritte wie der Wind im Sturme bläst, —
— Der Vierte ritt wie auf des Lichtes Strahlen, …
Noch waren Faust dies allzu enge Schranken.
— Der Fünfte war schnell als wie die Gedanken.
— Der Sechste war rasch wie die Rache der Höll’.
Dies schien Faust keine Ehrfurcht einzuflößen.
— Der Siebte aber endlich war so schnell
Wie der Übergang vom Guten zum Bösen!
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XII. Faustus
Dem Fortschritt des Buchdrucks verdankte schon,
(Wahrscheinlich in der latein’schen Version)
Doktor Johann Fausten sein Exemplar,
Der in der schwarzen Kunst bewandert war.
Er galt als gebildet doch ohne Respekt;
Bei Martin Luther ist er angeeckt.
Er sucht’ mit Bedacht den fähigsten Geist,
Mit dem hat er Städte und Länder bereist.
Er wählte den Geist des ewigen Nein,
Mit dem sich Faustus auf den Packt einließ.
Es heißt, der Geist Mephistopheles hieß,
Doch könnt’ es nicht Nyarlatothep sein?
Faust — wie schon Alhazred! — hat es zuletzt
Unter Schreien zerrissen und zerfetzt.
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Erbrochene Siegel
Ein Buch mit sieben Siegeln, das erlaubt
Für jene, deren Eintritt ist erbeten,
Die unerahnten Räume zu betreten
Nicht ganz bei Sinnen, des Verstands beraubt,
Wenn jene sieben Siegel sind gebrochen.
Ein Buch, das mit Fellachenblut geschrieben,
Doch öffnen wir die Siegel alle sieben,
Und haben es geschmeckt, gefühlt, gerochen,
So hinterlässt’s uns halb entseelt beglückt,
Dem äuß’ren Schein nach absolut verrückt:
Ich weiß nicht, was ich denk noch was ich mach.
Es reißt und kitzelt mich, und beißt und sticht,
Verdaut mein Herz im hellen Tageslicht.
Ich lach’ und lach’ und lache laut und lach!
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XXI. Nyarlathotep
Zum Ende aus Ägypten kam er her,
Fellachen neigten ihm zum Gruße sich;
Der dunkle Eine durch die Scharen strich
In Tuch gehüllt rot wie ein Flammenmeer.
Befehl von ihm zu hören, man sich reckt’,
Hernach nicht weiß, was kam aus seinem Mund;
Dann durch die Lande ging die Schreckenskund,
Dass das Getier ihm folgt, die Händ’ ihm leckt.
Bald bracht’ die See zur Welt gift’ges Leben;
Vergessen umwucherte Türme von Gold;
Der Boden klafft’ und Wahnaurora rollt’
Über Menschenhochburgen im Beben.
Dann, zerschmetternd die Zufallskreation,
Blies wahnsinn’ges Chaos Erdenstaub davon.
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IV. Das Dunkelste
Das Dunkelste, es überwältigt mich.
Ich sehe, doch ich sehe ohne Licht,
Die Hand vor Augen seh’ ich und auch nicht.
Was ist Ich, und dann plötzlich: Wo bin Ich?
Es wirbelt um mich und hindurch im Sturm.
Jetzt dringt es ein und umschlingt mein Gehirn
Und jedes Atom bläht sich zum Gestirn! —
Im Halse schwillt ein schwarzer Höllenwurm!
Ich lach! — Und lach! — Gehüllt in gelbes Tuch.
Ich tanze und tanz im Singsang um das Buch.
Das Dunkelste in mir, es leise spricht,
Wobei es mich von innen fast zerreißt,
Mich innerlich verbrennt und auch vereist,
Es wimmert mir zu: Verbrenne mich nicht!
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XXII. Azathoth
Raus in die Leere bracht’ der Dämon mich,
Jenseits der Bündel des messbaren Raums,
Wo weder Stoff noch Zeit noch dehnte sich,
Lediglich Chaos, bar des Orts, des Saums.
Den Herrn von Allem hört man hier brabbeln
Erträumte Dinge seines Unverstands,
Nah bei ihm flattern Vampire, grabbeln
Angefacht in idiot’schem Wirbeltanz.
Angestachelt von dem dünnen Wimmern,
Von Ungeheuerflöten aufgehetzt,
Wo Zufallswellen zusammenzimmern
Jed’ schwächlichen Kosmos’ Kerngesetz.
"Ich bin Sein Bote", so der Dämon spricht,
Verächtlich schlägt er des Meisters Gesicht.
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V. 5
Benötigt sind fünf konzentrische Kreise,
Die aus entflammbaren Salzen ich zog.
Schon beim Entzünden spürte ich den Sog,
Und murmelnd begab ich mich auf die Reise.
Ich stimmte an, die alte Litanei,
Die dunkle Weise aus der Tartarei,
Als ich im Innersten der Kreise stand,
Und bald darauf in Schwärze mich befand.
Das Zimmer war verschwunden und ich flog.
Ich zappelte und schrie. -- Der Raum sich bog ...
Der Morgen endlich brachte mich zurück.
Doch in den fünf Kreisen lag nicht nur ich,
Jetzt war sie in mir, die Schwärze an sich,
Und von meiner Seele fehlte ein Stück.
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VI. Für A. Derleth
Die Lampe, ein unbezahlbarer Schatz,
Sei Quell von Freude und von Entsetzen,
Ihr Lichtschein sei nicht zu unterschätzen,
Gewisslich mehr als ein Kerzenersatz.
Großvater Whipple hatt’ sie ihm vermacht.
Ward Phillips ahnte wohl von großen Mächten,
Die ihn an weite, fremde Orte brächten,
So er die Lampe entzündet bei Nacht.
Ein Araber gab sie zum Spottpreis ab,
Sie stamme aus einem uralten Grab.
Es hieß, dass sie unsägliche Macht hätt’,
Sie wär’ ein Erzeugnis des Stammes Ad
Und komme aus der namenlosen Stadt:
Die Lampe des verrückten Alhazred.
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VI. Die Lampe
Wir fanden die Lampe im Felsenloch,
Und Zeichen, Thebens Priestern noch zu krud.
Die Hieroglyphen hatten ängstlich noch
Gewarnt alle Wesen der Erdenbrut.
Mehr war da nicht — als das Bronzegefäß
Mit einem Rest seltsamen Öls darin;
Und Rollen, fragwürd’ge Faksimiles,
Die vage wiesen auf Sündtaten hin.
Selbst vierzig Jahrhunderte Angst der Welt
Hatten uns wenig zu schrecken vermocht.
Die magere Beute sicher im Zelt
Entflammten das Öl wir am alten Docht.
In Brand — Großer Gott! . . . Was vor uns sich drängt’,
Hat uns im Blitz des Wahns mit Furcht versengt.
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VIII. Photophobia
Lass dunkel es sein, ich will nichts mehr sehn.
Ich sah schon zu viel. Das Augenlicht nimm!
Ich sah sie mir an — und die Wahrheit ist schlimm.
Das Licht gibt sie Preis. Das Licht soll vergeh’n.
Zutiefst unerträglich der Anblick war.
Es kann nicht sein, darf nicht sein, was ich sah.
Geschlossenen Aug’s ist es nicht mehr da,
Denn ohne Licht ist es nicht wahrnehmbar.
So lang es dunkel war, so war es gut,
Doch nun im Licht gefriert mir nur das Blut.
So löscht doch das Licht, dass sehe ich nichts!
Schon gar nicht die Formen, die uns um schwirr’n,
Mich kirren, verwirren, unwirklich flirr’n:
Die schreckliche Offenbarung des Lichts.
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Für A. Blackwood
Von diesen großen Kräften oder Wesen
Mag Überlebendes wohl denkbar sein
Immens ferner Zeiten, als irgendein
Bewusstsein vielleicht Dinge aufgelesen,
Die vor dem Heraufdämmern der Menschheit,
Vor dieser Flut, zurückgewichen sind,
Um die sich bestenfalls noch Sage spinnt,
Erinnerung extremer Flüchtigkeit
An Formen manifestiert dergestalt
In Dichtung und Legende, wenn sie alt,
Als vormenschlich wohlmöglich zu verorten;
Erinn’rung an Kräfte, Götter genannt,
Und manchmal als Ungeheuer erkannt,
Und an mystische Wesen aller Sorten.
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IX. Haematophobia
Er konnte kein Blut seh’n, eine Phobie.
Den roten Saft des Lebens anzuseh’n
Ließ ihm die Sinne schwinden und vergeh’n.
Der Anblick wirkte wie Anästhesie.
Als nachts er durch die dunkle Küche ging,
Wo Vater abends hatte sich geschnitten,
War er in einer Pfütze ausgeglitten,
Sein Ärmel sich im Messerblock verfing.
Er stürzte zu Boden — die Messer mit —
Und eines ihm in die Aorta glitt,
Doch konnte er nichts seh’n, — welch Ironie.
Und Stunden später, als man machte Licht,
Fand man fast tot ihn, im Blut das Gesicht.
Er sah, erschrak. — und bis zuletzt er schrie.
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IV. Nachtbäume (F.B.L.)
Ich dacht, ich säh, wie sie sich morgens wanden
Auf kaltschwarzem Berg —der knorrige Spuk,
der Zedernriese und der Setzlingszug,
Die dort so splitternackt und einsam standen.
Leidende Wesen in Menschenform währen
Und Tierformen; Gorgonen, abwegig
Der gnäd’gen Kinderfantasie. Konnt’ ich
Als ewige Krüppel sie mir erklären?
Die hohen Espen, wirr geköpfte Nattern,
Zypressen mit langem, verzerrten Nacken,
Und stumme Tannen zwischen Farnenzacken,
Gefallene Eichen Fransen umflattern,
Blieb ich, sie Stück für Stück verfluchend stehen,
Die lieblich in der Sonne anzusehen?
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IV. Rückbesinnung
Der Tag war wieder da, als ich war Kind
Sah ich — ein Mal nur — die Senke im Wald,
Wo Nebel umschlangen die Eichen alt,
Wo Formen sich stahlen, Wahnsinn gerinnt.
Dasselbe war’s — wucherndes Gras umspinnt
Den runden Altar, beschnitzt dergestalt,
Dass sich aus Dünsten und Zeiten geballt
Der Ohne Namen hebt aus altem Flint.
Ich sah den Körper auf dem feuchten Stein,
Dies, wusst’ ich, Menschenmenge nicht sein kann,
Die fremde, graue Welt, sie ist nicht Mein.
Es war Yuggoth, hinter der Leere — dann
Kreischt mich der Körper an, mir wurd' gewahr
Im toten Schrei, zu spät, dass ICH es war!
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XI. Hylophobia
Der dunkle, tiefe Wald hat vor der Zeit
Pangea schon mit Finsternis bedeckt,
Und etwas immer sich darin versteckt
Von Größerem, als Menschheit ist gefeit.
„Geh nicht in den Wald! - Schon gar nicht bei Nacht.“
Von Kinderschändern, Hexen oder Zwergen
Und was das Dickicht sonst noch mag verbergen,
Zeugt unheilvoll, unmenschlich seine Macht.
Und jeder Ast, der deine Schulter streift,
In Wirklichkeit mit Klauen nach dir greift
Ins Innerste, wo es zutiefst verschreckt.
Die Wurzeln schlägt und treibt er aus in dir.
Der Wald wird siegen und macht dich zum Tier,
Das sich im Walde vor sich selbst versteckt.
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XX. Fungus Amanita Muscarina
So weiß wie Schnee und rot wie frisches Blut
Im uralten, nebligen Eichenwald
Auf einem Bein steht eine Schreckgestalt
Der dritten Art, jenseits von Bös’ und Gut,
Mit Rüschen-Kragen und mit weitem Hut,
Nicht Kraut doch alles andre als Getier
Ragt überall es aus dem Grund herfür
Und überzieht die ganze Erdenbrut.
„Sei auf der Hut!“ mahnt jede weise Schrift,
Der Trunk von diesem Kelche sei von Gift,
Und sei gewisslich nicht von dieser Welt.
Durchfliege nie dies Purpur aus dem All!
Denn siehst Du sie, siehst Du sie überall,
Bist Du umzingelt, von Fungi umstellt.
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Rausch
Ta-Dumm, Ta-Dumm. So schlägt die dunkle Bongo,
Ta-Dumm, Tada-Bumm! Ohne Unterlass.
Vor 400 Jahren in Caracas —
Vor 10.000 Jahren im Kongo.
Ta-Dumm, Tada-Bumm! Die Trommel der Samen
Pulsiert und schlägt im Dschungel der Großstadt
Und überall dort, wo das Leben Musik hat.
Und dazu singen wimmernd die Schamanen,
Auf die ich noch am frühen Morgen lausch,
In Schweiß gebadet und im Rhythmusrausch.
Ta-Dumm! Immer weiter noch Tada-Bumm!
Verdreht sind die Augen, Schaum vor dem Mund,
Mein Herzschlag ist pumpender Untergrund.
Tada-Bumm! Ich fall — Tada-Bumm, Bumm! Bumm! — um.
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X. Astraphobia
Doch, Halt! — Still. Was war das? Ein Donnergrollen?
Ich hab es, mehr noch als gehört, gespürt,
Wie wenn der ganze Erdenball vibriert.
Es wird doch wohl nicht hierher ziehen wollen?!
Denn wenn es hierher zieht, dann muss ich weg!
Gewitter hält mein Nervennetz nicht aus.
Ich kann dabei nicht raus, ich muss ins Haus
Und such im Keller irgendein Versteck.
Der Donner wühlt mir in den Eingeweiden,
Und wenn den Himmel Blitze dann zerschneiden,
Ist unser Leben ernsthaft in Gefahr.
Bei Blitzschlag, sag ich dir, da musst du rennen!
Sonst wird er in Sekunden dich verbrennen. —
Doch nur, wenn es tatsächlich Donner war.
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Ithaqua
Den Eissturm begleitet finsterer Donner,
Der Frost frisst beißend sich dir in das Fleisch,
Darüber sirrend: wütendes Gekreisch;
Ein Schrei, der erst sich bäumte, dann geronn er.
Es ist nicht gut, in solcher Nacht zu jagen,
Wenn er, der Große schreitet stumm dahin
In seinem Wolkenreich seit Anbeginn.
Er wird hinauf dich in die Winde tragen. —
Es riss mich mit; bis zur Erschöpfung rennen,
Nur immer weiter, dass die Füße brennen,
Nur schneller und schneller auf flammenden Zehen …
Es hat die Menschlichkeit in mir zerkleinert.
Ich stapfe durch die Eiswelt wie versteinert.
Den Wendigo — ich habe ihn gesehen.
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Die letzte Nacht (C.A.S.)
Geträumter Traum: Ich stand auf einer Höh’,
Wo Schnee zur höchsten Anhöhung sich reckt,
Von wo ich blickt’, die Ebne aus sich streckt
Zum trüben, weißen Horizont der See.
Im hässlichen Verfall des Sonnenlichts
Lag tot die Welt im trugbildhaften Grimm.,
Als angstschwer kam ein Wind mit letzter Stimm.
Die ferne See lag still. — Dies angesichts
Ich, Siehe! sah die blasse Flackersonn’
In Furcht und Verzweiflung noch flammend hoch,
Als Schattenschlag trat an, Glanz zu bezwingen
Bis Nacht diesen Titanenkampf gewonn’
Auf atemraubenden Verdammnisschwingen
Und Himmel fiel durch Lüfte nieder noch.
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Was es gibt
„Das gibt es nicht!“ — Das ist so schnell gesagt.
Wir meinen dabei meist: Es gibt, was klar,
Materiell den Sinnen nachweisbar.
Darüber hinaus wird selten gefragt.
Es gibt, was unsrer Wahrnehmung entspricht.
Doch gibt es auch, was wir dafür empfinden.
Und wenn wir dessen Existenz ergründen,
Bekommt dazu ganz Andres noch Gewicht:
Es gibt, in andrer Form auch das, was war
Und jegliches Erdachtes noch sogar.
Es gibt die Liebe, Hoffnung und den Glauben.
Für manche gibt es auch nur Angst und Hass …
Es gibt nichts, was es nicht gibt! — Ich weiß, dass
Es Dinge gibt, die uns den Schlaf noch rauben.
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I. Die Alten
Man glaube nur nicht, der Mensch sei allein
Im weiten Kosmos, auf den wir nachts starr’n,
Denn vor ihm schon die Großen Alten war’n.
Die Alten sind, die Alten werden sein.
Sie waren hier als auf Pangea noch
Ein riesenhafter Schachtelhalmwald stand.
Sie siedelten zu Wasser und zu Land,
Als unsereins noch durch den Urwald kroch.
Wir Parasiten ihrer Kolonien
Haben von ihnen die Erde gelieh’n,
Bevor der Mensch auch nur den Mond erschloss.
Sie lassen uns lediglich gewähren.
Sie existieren in jenen Sphären,
In die der Urknall sich dereinst ergoss.
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Jenseits der Zeit
Wenn Zeit nichts andres ist als Dimension,
Berechenbare Ausdehnung im Lichte,
Und Zeiteinheit auf Zeiteinheit Geschichte,
So zeigt die Skala jede Position,
Und weist dabei in die Unendlichkeit.
Doch da wir in der Endlichkeit verharren,
Bleibt Zukunft stets im Trüben und wir starren
Durch blindes Glas auf die Weiten der Zeit.
Doch gäb es Wesen anderer Struktur,
Materie völlig anderer Natur,
Sie sähen von außen auf den Maßstab
Und unsre Existenz erschien entleert —
Und unser Ende nur ein Zahlenwert.
Es sei denn, sie kämen zu uns herab.
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XIII. An Herrn Finlay, bezüglich seiner Zeichnung
für Herrn Blochs Geschichte „The Faceless God“
Im trüben Abgrund bebt die Form der Nacht,
Hungrig, abscheulich und seltsam gekrönt;
Hat sich auf schwarzen Schwingen aufgemacht,
Von Stern zu Stern durch Leere ausgedehnt.
Des Kosmos’ Namen keiner vorgebracht,
Noch ein Gesichtszug je erahnt ist kaum,
Noch sprach man aus die Worte, deren Macht
Sie locken aus dem höllisch weiten Raum.
Doch hier, auf einen Blatt, erheischt der Blick
Monströsität, der Augen nicht gefeit,
Weist auf die Blasphemie, die Stück um Stück
Streut Tod und Wahn in die Unendlichkeit.
Was schildert er, der trotzt dem schwarzen Rand,
Der außerird’sche Schrecken gibt bekannt?
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III. Das Kitab
Alhazred schrieb das Kitab-Al-Azif.
Er schrieb es wie im Fieberwahn dahin.
Es hatte eignen Willen, eignen Sinn,
Durchdrang ihn innerlich sobald er schlief.
Aus tiefer fernem Kosmos es ihn rief
Und Antwort kam aus der vergess’nen Stadt.
Dies Etwas schrieb das Buch an seiner statt,
Worauf er schreiend durch Damaskus lief …
Denn selbiges ist nicht tot, so es ist
Im Stande zu liegen befreit jeder Frist,
In Finsternis kann ruhen unbedroht,
Unendlich liegen, endlos ewiglich,
Und es mag mit Äonen befremdlich
Ersterben selbst noch der leibhaft’ge Tod.
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II. Das Buch II
So gibt es sie, die unheilige Schrift.
Koran, Tora und Bibel zum Affront,
Der Edda und des Totenbuchs Patron,
So lang ein Glaube ist des andern Gift.
Das Siegel des Propheten ward gebrochen.
Vor Anbeginn der Menschheit war das schon,
Gebrochen auch der Fluch von Babylon,
So hat's das NECRONOMICON versprochen.
Das eine Buch, geschrieben zu verderben,
Es überlebt, wo and're Schriften sterben,
Das eine Buch, so süß wie Gift und Galle.
Die Einigkeit im Streit der Religionen
Erzwingt der Wahnsinn kommender Äonen:
Das eine Buch, zu entzweien alle!
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XIII. Eine Reise
Zu eng ist es im Flur mit 7 Türen.
Wie ich so dasteh’ mit dem Blick nach oben,
Da seh’ ich über mir Gestirne toben,
Und weiß doch nicht, wohin die Türen führen.
Und in der Hand die Lampe des Alhazred,
Im letzten Glühen noch des alten Dochts,
Wohl noch zu qualmen in der Nacht vermocht’s,
Als ob das feinste Glimmern noch die Macht hätt …
Da öffnet sich der Abgrund unter mir!
Ich falle hinab in dunkelsten Schlund
Und über mir und um mich schwirrt Getier,
Hackt Augen mir und auch die Ohren wund …
Dann werde ich wach, zerschnitten die Hand;
Und mein Blut versickert im Wüstensand.
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VI. Die Wüste im Mondlicht (C.A.S.)
Über der vage dunklen Wüste weit
Der runde Mond ersteigt; ganz plötzlich klar
Ins Aug’ springt Ödnis, Fern’ und Nähe bar
Bekannt. In silberner Benommenheit
Strahlt Sand, die Wüstenweite wallt.
Wie hell, durch ausgebrannte Luft vereint,
Der Mond und immer mehr Gestirn erscheint,
Wie gleichgültig, desint’ressiert und kalt!
Still wie die Wüste, weiß sie strecken sich
Endlos, sicher wo Findlings Schatten schleift
Sich einsam dämmerpurpurn durch den Sand —
Des Todes Schreck und Weisheit rasch ergreift
In dieser Stille — hell und unheimlich,
Ein totes, unaussprechlich altes Land
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IV. Der Dichter
Abdul Alhazred, Dichter aus dem Jemen
Galt früh, in Sanaa schon, als verrückt.
Es heißt, er lauschte weit zum lang verzückt
Des nachts, das Dämonenheulen zu vernehmen,
Das aus der nahen Wüste zu ihm drang.
Um siebenhundert, zur Zeit der Kalifen
Studierte Alhazred bereits Hieroglyphen,
Und lauschte dem Azif bei Nacht zu lang.
Er hat das alte Babylon bereist.
Er war in Memphis, dort von wo es heißt,
Es gäbe unten, tief unter der Sphinx
Die Spuren noch der ältesten Kultur,
Doch sei es nicht das Werk des Menschen nur
Im Innern des Zyklopen-Labyrinths …
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III. Acrophobia
Mich schwindelt. Ich taumel’, taste nach Halt
Und unter mir Tiefe in Tiefen mich zieht.
Ich wanke und weiß nicht, wie mir geschieht.
Im klaffenden Abgrund mein Schrei verhallt.
Kein Halm, an den zu klammern ich vermag
Kein Schirm, der meinen Sturz je bremsen kann,
Die Gravitation fasst mich magnetisch an
Zum Flug und zu dem letzen harten Schlag.
Was immer du tust, schau niemals hinab!
Ich schließe die Augen und beuge mich vor.
Ich muss hier weg, bevor ich überschnapp’ …
Das Ohrensausen wird zum Engelschor,
Denn manchen, der zu hoch hinaus geklettert,
Fand später doch am Boden man zerschmettert.
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VI. Houdini
Ich hörte die Fellachen lauthals lachen,
Als über zwanzig sehnige Barbaren
Auf Abduls Zeichen plötzlich um mich waren.
Noch wollte man mir nicht den Garaus machen.
Gefesselt, geknebelt, mit Augenbinde
Trug man mich davon, um mich zu prüfen.
Ich wusste nicht, wohin sie mit mir liefen,
Dass in der Näh' der Sphinx ich mich befinde.
Dann schlangen sie ein Seil mir um die Brust
Und stießen mich in einen tiefen Schacht
(Sie freuten sich, wer hier als letzter lacht.)
Hinunter, wie tief war mir nicht bewusst.
Mein Fall, so schien es mir, währte Äonen --
Ich war gefangen bei den Pharaonen.
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IV. Claustrophobia
… und diese Enge. Es fühlt sich an wie …
Als ob es stetig immer enger wird,
Der Raum wird stetig enger, unbeirrt
Ob hier ein Mensch noch Platz hat. — Als ob die
Fatale Enge Eigenleben hätt’,
Als ob es lebt und atmet, mich erdrückt.
Von allen Seiten kommt es angerückt
Es presst sich an mich, fest wie ein Korsett.
Ich kriege keine Luft hier. — Lasst mich raus!
Der Raum, die Wände quetschen mich aus.
Schon drückt es mein Gesicht zur Gummifratze.
Schon quellen mir die Augen aus den Höhlen.
Will die verfluchte Enge mich entseelen?
Ich schreie. — Bis am Ende ich zerplatze …
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VII. Sätze Alhazreds
"Die niedersten Höhlen, zu sehen nicht
Mit blickenden Augen," Alhazred schrieb,
"Sind unergründlich jedem Augenlicht,
Aus toten Gedanken, bösem Prinzip.
Verflucht ist der Boden, übel der Geist,
Der nicht bei, nicht in einem Kopfe wohnt.
Glück ist, wo Hexer verbrannt sind, es heißt,
S'ist glücklich das Grab, von Zauber verschont.
Ein Wurm schwillt an, der Aas nagt das verflucht,
Wächst an daran, -- verderbend heim er sucht.
Verborgen bohrt man manches große Loch,
Wo Bodenporen schon gereichten noch,
Und etwas lernte aufrecht geh'n, das doch
Zuvor, so gottgewollt, am Boden kroch.“
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V. Die Legende
Angeblich hat er, nach eig'nem Bericht,
Selbst Orte besucht, von denen man weiß,
Es gibt hierfür keinen echten Beweis.
Nichts als Weibergewäsch. Es gibt sie nicht!
In Irem sei er gewesen, das doch
Als Märchen mehr denn Sage heute gilt.
Er zeichnet jedoch ein glaubhaftes Bild
Solchen Ort’s — der „Stadt ohne Namen“ noch.
Worauf er die berühmte Zeile schrieb,
Die als Fragment bis heut erhalten blieb,
Die von jeglichen Todes Ende kündet:
Das ist nicht tot, was ewiglich kann sein,
Mit Äonen fremd, im Wandel zum Schein.
Und stürbe Tod erst, kein Ende sich findet.
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Eine tote Stadt (C.A.S.)
Zwielicht steigt auf zur öden Mittagsschwelle
Verlass’nen Landes, dessen große Zeit
Unfassbar schattige Vergangenheit,
Wie steigender Dunst zur Nacht auf sich stellt,
Palastruinen, eh der Mond erhellt
Stumm unentdeckte Mauern, Türm’ besteigt,
Die Blässe der Gräber der Wüste zeigt,
Von Knochen der Stadt bestreute Stelle.
Und endlich kommt sie: beerdigt nimmer,
In grauer Nacktheit des Gesteins vergreist.
Aus einem Schatten wie von Todes Lungen
Ein Wind steigt auf, der Ruinen durchdrungen,
In Atem still, weint wie Prophetengeist,
Fremdlich beendet vergess’nes Gewimmer.
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XII. Eremikophobia
Die Asche Gottes rinnt im Stundenglas,
So weit das Auge reicht ist nichts als Sand,
Ist nicht zu greifen, nicht von Hirn noch Hand,
Zerfallen alles, was Begriff besaß.
Ein Wind zieht durch die Dünen, wispert leis:
Du bist ein Sandkorn in der Wüstenei.
Gestirne ziehen über mir vorbei,
Bewegen sich — genau wie ich! — im Kreis …
Und dann: Die Stürme heben an zu singen.
Der Treibsand will mich jeden Schritts verschlingen.
Die Welt um mich herum beginnt zu kreißen:
Ich kann die Urkulturen noch erheischen.
Die Kehle schmirgelt und die Winde kreischen,
Als wollten sie die Ewigkeit zerreißen.
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VII. Die Wüste
Zehn Jahre hat Alhazred vegetiert
Im El Kaliyah, genannt „leerer Raum“,
Der Dahna-Wüste, — bezwungen noch kaum,
Wo über Gottheiten er meditiert’.
Und man erzählt von jener Wüste sich
Unter jenen, die prahlend tun, als ob
Sie bis zu ihr vorgedrungen, darob
Von Wundern dort zutiefst absonderlich.
Als Moslem war er nur indifferent,
Der neben Allah auch Dämonen kennt.
Er kannte Mächte und hat sie verehrt.
Gebete sprach er aus an Yog-Sothoth,
Cthulhu, Vater Dagon, Azatoth, …
Bevor ihn der Wahnsinn gänzlich verzehrt’.
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VIII. Das Wort
Zuletzt ließ in Damaskus er sich nieder,
Wo schreiend er erwachte, immer wieder.
Ebn Chalikum, Biograph um elfhundert,
Sich über die Todesumstände wundert.
Nach Zeugenbericht als Todesjahr man
Gibt Siebenhundert achtunddreißig an.
Doch trotz dieser Zeugen bleibt unbekannt,
Ob Alhazred nun starb oder verschwand.
Das Wort vom Wüstengeflüster, es bleibt
So wie Alhazred es zu Ende schreibt,
So wie die Schreiber es verbreiteten.
Mit schielendem Blick wurd’s weitergereicht
Unter Flüstern — unter Kichern vielleicht —
So wie die Alten es bereiteten.
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Der Regen
Ein Tropfen schlug in den trockenen Sand. —
Erst hier, dann dort, dann bald schon überall,
Und bald windgepeitscht in tosendem Schwall
Ergießt sich Regen weit über das Land.
Es reißt herum und peitscht schon ins Gesicht,
Und alle Luft mutiert zu wildem Gischt,
Worin vergebens Mensch nach Menschen fischt,
Das Gleichgewicht sich in den Wogen bricht.
Alsdann, als Wasser feindlich triumphiert,
Der Himmel Unerdenkliches gebiert.
Die Fluten strömen, wüten und töten,
Schlägt es im Donner, der die finstre Nacht
Im gleißenden Anblick zu Tage macht:
Es prasseln vom Himmel Frösche und Kröten.
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XVII. Seite 751
„Yog-Sothoth ist der Schlüssel und das Tor“
So steht’s, wo die Ornamentik krümmt sich
Auf Blatt siebenhundert einundfünfzig,
Wo Alhazred seinen Verstand verlor.
So hat es ihn auf die Straße gehetzt,
Am helllichten Tag war’s in Damaskus
Nachdem unter Krämpfen der Genius
Des Azifs letzte Zeichen noch gesetzt.
Das Unsichtbare riss ihn hart empor,
Dass Augen und Därme traten hervor.
So hat’s ihn verschlungen, die Menschen entsetzt,
Ob Wirbel es war oder blutiger Ball;
Doch pulsierende Röte überall, —
Noch bis auf die Knochensplitter zerfetzt.
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XIV. Sternwinde
Es ist die Stund’ vom Zwielichtfinstern, wann
Meist herbstens, wenn der Sternwind sich ergießt
Durch Hügelstraßen, verlor’nes Draußen schließt,
Doch früh auf Fremdenzimmern Licht geht an.
Die toten Blätter jagen sich geschickt
In unird’scher Anmut, sich Rauch verhält
Nach Geometrien der Außenwelt,
Als Formalhaut südlich durch Nebel blickt.
Es ist die Stunde, wo mondsüchtig sieht
Der Dichter, welch Pilzbrut Yuggoth erfüllt,
Welch Blumenduft Nithons Lande einhüllt,
Wie es auf Erden im Garten nie blüht.
Zu jedem Traum, den dieser Wind uns bringt,
Ein Dutzend mehr er uns davon verschlingt.
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Lethe (C.A.S.)
Ich flog zwischen den Säulen, die sie stützen,
Die Welt und alle Höll’- und Himmelreich,
Geräusch noch Schimmer, wo ich gischtlos streich
Gen Nadir. Nicht geringstes Flackerblitzen
Gibt unbewusst jed’ Form zu Form, noch nützen
Gebräue an den Grenzen mir, dass ich erreich
Der Wellen Zauber, der bezwingt sogleich
Verzweiflung, Schmerz, Ektase, um zu schützen.
Der Erden verlachte, verstoß’ne Söhne
Sich treffen hier, wo Fruchtung gleicht Betrug.
Wenn die mächt’gen Herr’n, die versteckt man wähne,
Welten geleert, bis aller Wein versiegt,
Sollten sie nicht, wo der Fluss sich biegt,
Den Mundus verschlingen in einem Zug?
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III. Fungi vom Yuggoth
Sonett für Sonett, sorgsam geschichtet,
Und jedes wie Pilzbrut erblüht auf Gestein,
Im Traume geschaut und aus Schrecken erdichtet,
Wo nichts wirklich ist, doch alles kann sein.
Du nimmst sie, und zählst die Perlen der Kette,
Jedoch ihr Schimmer verbrennt dir die Hand,
Als ob jede einzelne Feuer hätte
Und jedes Sonett steckt die Welt in Brand.
Und wie du versuchst, sie festzuhalten,
Woll'n sie wiederum sich umgestalten.
Sie wuchern und schlingern, verzweigt aufgereiht.
Sie dich umschwirr'n, durchdringen heiß und kalt.
Der Kern ihres Seins ist entsetzlich alt.
Wir ordnen sie nicht! -- Sie sind jenseits der Zeit.
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VIII. Fungus Mi-Go Yuggothiae
Es summt und brummt etwas im Erdendunkeln,
Das sich dem Menschenauge gut versteckt,
Nicht Schalentier, bestimmt auch nicht Insekt;
Verstohlen manche Leute davon munkeln,
Dass sie des Nachts zum Himmel auf entschwirr’n.
Man könne sie auf Reisen auch begleiten
Zu fernen Universen, fremden Zeiten,
Und dafür bräuchten sie nur dein Gehirn.
Ihr Äußeres ist variantenreich
Und unserer Materie nicht gleich.
Genau genommen Fungi nicht, vertreten
Sie (hier nur um Bergbau zu betreiben
Und hin und wieder Menschen zu entleiben)
Wohl eher das Reich der Myxomyceten.
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V. Heimkehr
Der Dämon sprach, er brächte mich nach Haus
Ins fahle Schattenland, dem ich entrückt
Entsann mich, einem Ort wo man erblickt
Von Treppen und Brüstung' fern hinaus
Meilenweit Dom auf Dom, ein Wirrsal aus
Marmor, und Turm auf Turm die Küste schmückt.
Noch einmal, sagte er, wär' ich entzückt
Von diesen Höhen und dem Meergebraus.
Versprechend dies zog durch ein Tor so rot
Wie Abendlicht er mich, durch Flammen schon,
Durchs Rotgold unbenannter Götter Thron’,
Die schrie’n in Angst, welch Schicksal ihnen droht.
Ein schwarzer Abgrund, Meer; hier blieb er steh'n:
"Dies war dein Heim, als du noch konntest seh'n."
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XII. Der Flur
Die steile Treppe hatte ich erklommen,
Erstaunt, dass beim Erklimmen sie nicht brach.
Ich weiß nicht mehr, warum ich hergekommen,
Nachts in der alten Schule unterm Dach.
Dann, oben angekommen, drückte ich
Den Hebel meiner Quetschkatze. Damit
Hatt' ich (wenn auch flackernd) Licht, und um mich
Ein enger Raum war, in den stumm ich schritt.
Im flimmernden Dynamolampenschein
Sah Tür an Tür ich; konnte es denn sein,
Dass dieser Raum mehr Tür als Wände hatte?
Kein Winkel war in diesem Raum normal,
Verzerrte Optik, raumdimensional;
Und irgendwo im Gebälk ... eine Ratte?
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XVI. Zemmiphobia
Man hatte dringend nach dem Arzt geschickt.
Als Dr M. zu dem Patienten kam,
War jenes grässliche Kreischen erstickt.
Der Anblick ihm jedoch den Atem nahm.
Denn Gillman lag dort auf der Chaiselongue,
Das Laken getränkt, von Blut gänzlich rot.
Zu spät! Walter Gillman war bereits tot.
Doch das bracht’ ihn noch nicht aus der Fasson.
Denn unter dem Tuch, so sagt man im Haus,
Kam eine Ratte blutverschmiert heraus,
— Ihn zu berühren hatt’ keiner gewagt! —
Und selbst der Arzt hat es keinem erzählt:
Sein Brustkorb war von innen ausgehöhlt.
Sie hatte ihm das Herz heraus genagt.
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XX. Das Sonett
Ein düsterer Ort war's, spinnwebverhangen.
Das Mondlicht schlich sich langsam durchs Gebälk,
Und überall Papier am Boden, welk
Zerriss'ne Blätter, dem Feuer entgangen.
Das Meiste davon hielt ich für entartet,
Zurecht zerfetzt, gesundem Geist Gefahr.
Hier hatte jemand wohl ganz offenbar
Die Säuberung des Reiches nicht erwartet.
Doch dann fiel mein Blick auf eins der Sonette,
Ein Bündel loser Blätter, und ich hätte
Geschworen, dass der bleiche, satte Mond
Grad dieses alte englische Gedicht,
Auf diesem Dachboden, mit fahlem Licht
Das Unheil seiner Worte noch betont.
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Mondfarce (R.E.H.)
Ich ging in Taras Wald zur Sommernacht,
Und sah am sterngeplagten Himmelszelt,
Wie Silbermond sich durch den Dunst erhellt,
Dort schwebte überm Berg, dass Angst es macht.
Entbrannt ich riss den Schleier, fasst sie an:
In diesem, ihrem Augenblick war Glanz;
Dann — rasch wie ein Vogel — entschwand sie ganz.
Ich stieg in fahlem Licht bergab sodann.
Doch als ich unten ankam, unbekannt
Und seltsam neu schien alles um mich her;
Von fremden Leuten umringten war ich bald.
Und als ich meinen Namen bang genannt,
Beiseit sprach jemand: Ich sei jener, der
Vor hundert Jahren starb — in Taras Wald.
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Das unheimliche Dunkel (C.A.S.)
In Zwielichts zweifelhaftem Intervall
Sicher vollendet Nacht sich schließt
Unheimlich Zauberwind wie weinend schießt
Und ungeschlachter Schatten Weideland sich krall
Im Anriss, Baumesstimme steig und fall
Zum Sabbat, rauschhaft flehentlich geschrien.
Gen Himmel dunstgetürmt Phantome flieh’n
den Mond, der droht zu sicheln überall.
Wolke und Stille, Zwillingsschleier neigt
Über Bewegung und den Klang von Dingen,
Die Nacht entblößen, bis im Westen Treiben
Des Mondes Klinge sich sich verzaubert zeigt …
Die Nacht zur Gänze wächst … Die Schatten bleiben
Versammelt unter größ’ren Schatten Schwingen.
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XX. Selenophobia
Bist Tier du, Dämon oder Lichteffekt?
Mir scheint, als hätt’st ein Auge du, das scheel
Von oben glotzt mir tief in meine Seel,
Als hätt es boshaft etwas ausgeheckt,
Als ob dein Lid sich senke und dann hebt.
Doch, ob der Blick von kaltem Silberglanz
Ist, oder aber doch von Schwärze ganz?
Er zieht mich an mit dem, was ihn umschwebt.
Du ziehst mich aus mit allen beiden Blicken.
Du reißt mich aus der Haut in kleinen Stücken.
Durchdringendes, ewiges Wolfsgejaul!
Das Meer der Stille ist ein Schlund
Es heißt: Der Mond ist rund. Der Mond ist rund…
Er hat zwei Augen, Nas’ und blut’ges Maul
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X. An Clark Ashton Smith, Esq. bezüglich seiner
Phantastischen Geschichten, Verse, und Skulpturen
Ein zeitschwarzer Turm vor dem Wolkendamm;
Umher sich undurchdringlich drückt der Wald.
Schatten und Stille, unter Moos und Schlamm
ein Alters-gefällter Kreis von Basalt.
Keine Schritt’ umher, kein Lied des Vogels weckt
Die Todesreihen immerwähr’nder Nacht,
Doch in der Luft ein Flügelschlag erschreckt,
Als in dem Turm ein blasses Licht entfacht.
Denn hier, für sich, wohnt, wessen Hand beschehrt’
Der Welt manch’ Abbild, das sie setzt in Graus;
Wessen begrab’ne Runen Furcht gelehrt,
Was jenseits Sternenklüften droht, harrt aus.
Finst’rer Herr der Averoigne — sein Fensterblick
Dem Traumschacht gilt, der and’re schreckt zurück!
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XXV. Saligia 5, Gula Tsathogguas
In der Avaroignes dunkelstem Schlund
Befindet sich der Abgrund von N’Kai.
Hier sitze ich und sehne Fleisch herbei,
So tut’s der große Klarkash-Ton uns Kund.
Schon seit hyperboreanischen Zeiten
Sitz krötengleich ich hier und adipös,
Der Große Tsathoggua, gottgleich mönströs,
Und lasse Menschenopfer mir bereiten,
Verleibe hungrig sie mir ein:
Das Kind, den Krieger und das Mütterlein.
Werft die Legionen in den Untergrund!
So feist und fett empfange ich die Gaben
Und werd’ nicht satt, an Körpern mich zu laben,
Denn ganze Schlachten fasst mein breiter Mund.
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XXXII. Ikonophobia
Ein großes Werk der Kunst, wie jeder weiß,
Zieht gnadenlos Betrachter in den Bann
Indem es Geist und Blicke fesseln kann
Und gibt sie manches mal nicht wieder Preis.
Es heißt, ein „großer Meister“ es verstehe,
Die Seele einzuhauchen einem Bild.
Es sei darin der Fluss der Zeit gestillt
Und etwas aus dem Bild heraus dich sehe.
Der Rahmen Zeit und Raum gefangen hält
Als zweidimensionales Konzentrat
In unheilvollem Austausch mit der Welt.
Mir ist, als ob’s nach mir gegriffen hat!
Und schau ich zu lang, so wird mir als säh’
Ich Dorian Gray’s entstelltes Porträt.
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XVI. Das Fenster
Das Haus war alt, mit Flügeln wie verzerrt,
Wo niemand findet gleich den rechten Flur.
In einem Raum im Hinterhaus gab's nur
Ein Fenster, fest versiegelt und versperrt.
Wo Nacht herrscht zog’s als Kind mich hin alert,
War traumgeplagt, von einsamer Natur;
Teilte die Spinnweben mit keiner Spur
Von Furcht, von großem Staunen nur verzehrt.
Und später brachte ich dann Maurer, wollt
Erblicken, was der Urahn so sehr mied.
Doch aus der Bohrung schoss die Luft, es grollt,
Und aufgetan man fremde Leeren sieht.
Sie flohen — doch ich sah hindurch und fand
Die wilden Welten mir vom Traum bekannt.
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XX. Der Fenstersturz
Ich schreibe dies unter seelischem Druck,
Da ich heute Abend nicht mehr sein werde.
Bevor ich noch den Rest der Welt gefährde,
So gebe ich mir diesen letzten Ruck.
Halt bitte mich nicht für degeneriert,
Doch kann ich die Qualen nicht mehr ertragen.
Am Ende kann ich klar genug noch sagen,
Dass man daran seinen Verstand verliert.
Ich kann’s nicht anders nennen als unsäglich.
Denn was ich sah, sag ich, ist unerträglich.
Ich werde also die Qualen verkürzen.
Und hast Du diese Zeilen gelesen,
So ist mein Leben bereits gewesen:
Ich werde mich aus dem Fenster stürzen.
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XI. Heim
Ein schwarzer Nebel kroch die Treppe hoch
Und wo er leckt’, da schimmert dunkles Rot;
Ein Anblick, der mir ohne Licht sich bot
Und himmelwärts da klafft ein schwarzes Loch.
Der dunkle Yuggoth ruft mich zu sich her!
Der Nebel greift mich und zieht mich empor,
Er trägt durch Weitern mich, durch’s Sternentor.
Ich sehe nichts, doch sehe ich jetzt mehr:
Hier ragen Türme gotisch aus dem Most —
Mich Wahn wie Sinn hier schlingernd Umkost.
Ich seh die Türm’ und Zinnen nur verschwommen,
Doch bald im Westen Azathoth taucht auf,
Nimmt süßlich wimmernd seinen Tageslauf;
Ich bin im fernen Nithon — angekommen!
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XVII. Eine Erinnerung
Es war im Grasland, Plateaus unsagbar,
Tafelberge zu den Sternen gereckt,
Ein Lagerfeuerlicht sich dort erstreckt’
Auf klingelnde, zottige Biesterschar.
Fern im Süden dehnt’ die Eb’ne sich weit
Zum Zickzack einer Mauer, die dort lag
Still wie ein Python, schon am Vorzeittag
Erkaltet und versteinert mit der Zeit.
Ich zitterte vor Kälte, wusste nicht
Wo ich war, wie ich herkam oder wann,
Als ein vermummtes Ding im Gegenlicht
Aufstand und kam, beim Namen sprach mich an.
Angesichts was unterm Kapuzenrand
Ließ ich die Hoffnung fahren — ich verstand.
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XVIII. Die Gärten von Yin
Hinter der Mauer von uraltem Stein,
Deren Türme man bis zum Himmel sieht,
Seien die Gärten, wo Blumenpracht blüht,
Würden Vögel, Bienen und Schmetterling sein.
Es gäbe dort Brückchen über Weiher
Voll Lotus, Tempelformen spiegeln sich
Und Kirschbäume darin, und feierlich
Schweben am rosa Himmel die Reiher.
Alles wär' dort, denn hatten Träume nicht
Das Tor zu diesem wirren Labyrinth,
Wo schläfrig umwuchert die Wege sind,
Längst aufgerissen meinem Angesicht?
Ich eilt’ — doch als die Wand wuchs finster, schwer,
Fand ich dort längst kein einzig’ Tor nicht mehr.
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Die Tür
Mir ist, als hätt’ ich eine Tür gefunden,
Als fände unterm Abfallberg des Seins
Sich eine Schicht von Schlick, durchdringlich scheint’s
Unkörperlich und nur in Traumes Stunden.
Die Pforte, ist mir, hat nicht Knauf noch Riegel
Und ist gesetzt in falscher Symmetrie.
Musik und Wort vermag durchdringen sie.
Verschwommen doch erkenne ich ein Siegel.
Wie triefender Gallert sich’s dehnt und staucht,
Konkav mal und dann doch konvex gebaucht.
Unsagbar ob sie einsaugt oder birst …
Das Siegel, das ich schemenhaft erkannte,
Ist unentdeckte, alte Weltkonstante,
Die Menschheit, Du nicht lebend finden wirst.
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XXXI. Der Bewohner
Dies war schon alt, als Babylon war's nicht;
Es schlief unterm Hügel wer-weiß-wie lang
Bis schließlich schaufelnd unser Forscherdrang
Bracht’ seinen Granitstein wieder ans Licht.
Da war’n Fundamente und Pflasterung,
Gemeißelte Tafeln von vor der Zeit
Zeigten Wesen einer Vergangenheit
Jenseits noch menschlicher Erinnerung.
Dann sahen wir die Stufen abwärts führen
Durch ein Steintor verstopft und dichtgemacht,
Zum schwarzen Hort einer ewigen Nacht,
Wo alte Zeichen tiefste Ängste schüren.
Wir machten den Weg frei — doch flohen dann,
Als von unten Getrampel kam heran.
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XVIII. Arachnophobia
Wie Fingertapsen beider Händ’… — Verschnürt!
Sie haben unten überall Verstecke,
Sie lauern oben in der Zimmerecke,
Wie haftend tastend kommt es anmarschiert.
Sie kriechen lautlos behände heran,
Umgarnen die Beute in Seide galant,
Und flink wird das Opfer mit Fäden umspannt.
Sie schauen stumm aus acht Augen dich an.
„Ich fang — ich fress!“ Ist das Spinnengesetz
Und du bist verloren im klebrigen Netz.
Noch toter als tot hängst dort du am Strang.
In Gnade ihr tödlicher Biss dich trifft,
Wenn trieft ihr Kiefer von Speichel und Gift,
Verwirkt, versponnen, lebendiger Fang!
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XIV. Abneigungen
Lach mich ruhig aus, jedoch es ändert nichts:
Ich mag sie einfach nicht, die U-bahn-Schächte —
Wenn ich doch lieber Taxi fahren möchte …
Auch wird mir immer übel angesichts
Der fremdländisch gemischten Menschenmenge.
— Das Meer ist noch ein anderes Kapitel,
Denn Fisch ist mir das reinste Brechreizmittel.
Und kühle Luft erst! — Ja, ich habe Zwänge.
So sehr ich’s zu verdrängen auch versuch’,
Ist Kälte mir wie übelster Geruch …
Und jede dieser Ängste, die mich quälen,
Hat ihre ganz besondere Geschichte.
Ich muss mich sammeln, wenn ich sie berichte.
Doch im Vertrauen will ich sie erzählen …
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VI. Mysophobia
Ach, könnten wir sie seh’n, wir wär’n entsetzt,
Welch heeresgleiche Macht uns stets bedroht,
Beschert uns Krankheit, Seuche und den Tod
Und ständig uns mit eklem Schleim benetzt.
Man sagt Miasmen kommen aus dem All:
Bakterien und Sporen, Legionellen,
Amöben, Vieren, Fadenwürmer stellen
Uns nach in Legionen überall.
Sie dringen in uns ein und übernehmen
Von innen uns mit Krankheit und Ödemen.
Bleib weg! Du könntest mich sonst infizieren.
Desinfizier Dich! Du musst Mundschutz tragen!
Dein Hautkontakt beschert mir Unbehagen.
Du bist verkeimt, verseucht und voller Vieren!
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X. Tentakel
Jenseits der vier bekannten Dimensionen,
Euklidischer Geometrie befreit,
(Sie krümmen und stauchen Raum und Zeit.)
Sind Sekunden ihnen wie uns Äonen.
Jenseits sogar uns’rer Evolution
Erscheinen sie uns oftmals als amorph,
Von unerdenklicher Form, Schleim und Schorf,
Und doch nur eine Manifestation.
Tentakeln, Fühlern und Greiforganen,
Deren Funktionen wir nicht mal erahnen,
Fehlt jede Vertrautheit, fremd und fernab …
Es muss, wer ihnen Tore öffnet, ein
Wohl unheilbarer Fall von Wahnsinn sein.
Er bringt das Ende der Menschheit herab.
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XXV. Fungus Boletus Edulis
. . . und unter einem runden Lederhut
Schwillt an aus dunkler Tiefe eine Frucht,
Die zwecks Verbreitung nur das Licht besucht;
Wir fürchten uns nicht, denn die Frucht ist gut.
Woraus sie doch spross kann man nur orakeln.
Im Grunde ist der Pilz jedoch ein Keim.
Darunter ist Geflecht und Brut von Schleim,
Ein schleimiges Etwas wie mit Tentakeln,
Die sich beständig durch das Erdreich winden,
Und alles zersetzen, was sie nur finden.
Was Fungi nicht fressen, das gibt es nicht.
So mannigfaltig in Erscheinungsform
Ist auch ihr Hunger, gradezu abnorm.
Bedenken wir dies vor dem Pilzgericht!
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XX. Die Nacht-Dürren
Weiß nicht aus welcher Gruft, doch jede Nacht
Werd heimgesucht ich von Gummidingen,
Schwarz, gehörnt und dürr, mit häut'gen Schwingen,
Widerhakenschwänzen höllenerdacht,
In Legionen nordwindangefacht,
Mich stechend kitzelnd greifend, bespringend,
Mich fort auf gräßlichen Reisen bringend
Zu grauen Welten tief im Albtraumschacht.
Über die Gipfel von Thok schleppt man mich
Achtlos, wie ich auch weine oder fleh’,
In niederen Abgrund zum faulen See,
Wo im Unschlaf Schoggothen winden sich.
Oh, machten sie doch ein Geräusch! Und ein
Gesicht wär' dort, wo ein Gesicht sollt’ sein!
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XIII. Jenseits der Mauer
Ich fragte mich schon oft, ob wohl das Gros
Der Menschheit jemals aufhört nachzusinnen,
Ob der obskuren Welt des Schlafes, binnen
Derer der Geist schweift ab ins Anderswo.
Es gibt in den nächtlichen Visionen
Doch zu oft noch einen gewissen Rest,
Der Blicke auf Existenzen zulässt,
Jenseits freudscher Interpretationen.
Wir können die Erinn'rung kaum fixieren,
In denen wir fremde Welten bereisen.
Es lässt sich viel schließen, doch nichts beweisen,
Nur dass Zeit und Raum so nicht existieren ...
Ist was wir sehen und zu sehen scheinen
Alles nur im Traumesinnern träumen?
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Auf dem Eisigen Knarrt
(Frank Belknap Long)
Ich träumt’, ich ständ auf einem Felsvorsprung
Auf dem Eisigen Kinarth. Über mir
Steigt Echsenflug am Berg und Fledertier
Einher mit widerlichen Schweifes Schwung.
Eintausend Stäbe tiefer dampft die See,
Die Woge schwarz an Würzinseln prallt:
Ich krall mich in geborstenen Baum, ich steh,
Doch auf dem glatten Eis kämpf ich um Halt.
Dann endlich kam, durch Gespür und Gebot
Mit glasigem Aug’ ein fleischloses Ding,
Es tatscht mir auf den Mund mit Krallen rot,
Und sich in scharfem Schrei in Zorn erging:
Gargylenförmig, leichentrocken, tot,
Frisst satt es sich an, was der Himmel bring.
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XXIV. Für Kafka
Als Gregor Samsa an besagtem Morgen
Aus unruhigen Träumen erwachte, fand
Er sich verwandelt, im Käfergewand,
Und aufzusteh’n bereitete im Sorgen.
Er lag auf seinem Rücken auf dem Bett,
Das kleine, enge Zimmer war das seine,
Sein Rücken panzerartig, viele Beine
Ihm tanzten hilflos in der Luft Ballett.
Durchs Fenster konnte er den Regen sehen.
Es war kein Traum. „Was ist mit mir geschehen?“
Er war nicht sicher, ob er sich nicht täusche.
„Wie wär es, wenn ich noch ein Wenig schlief?“
Doch als er durch die Tür die Eltern rief,
Da hörte man draußen nur Tiergeräusche.
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XIV. Hypnophobia
Es sind nun über 80 Stunden, die
Dagegen ich schon anzukämpfen suche.
Ich lache in mich, weine leise, fluche
Und dann erschleicht mich wieder Apathie.
Ich nehm inzwischen stündlich Pervitin —
Ich will nicht, dass der Schlaf mich übermannt,
Die Müdigkeit bekommt die Überhand,
Doch noch lass ich mich nicht hinüberzieh’n.
Im Schlafe bin ich hoffnungslos verloren!
Ich darf nicht schlafen, kann und will es nicht.
Es sind nun über 80 Stunden, die
Nicht mehr zu schlafen ich mir hab geschworen.
Jenseits des Fensters seh’ ich Dämmerlicht.
Die Augen fallen zu. Jetzt kommen sie!
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XIV. Iranon
„Aira, Stadt aus Marmor und Beryll!
Durch sieben Ländern hab ich dich gesucht.“
Und Iranon hat jede Stadt besucht.
Die Menschen wurden, wenn er sang, sehr still;
Ein Jüngling, blond gelockt in rotem Tuche.
Manch Kind sich schloss dem Suchenden einst an,
Es wurde älter und war bald ein Mann,
Doch Iranon blieb Jüngling und auf Suche.
Ein alter Hirte den er einmal fragte,
Entsann sich seiner Kindheit, und er sagte
Er habe damals jemanden gekannt;
Ein Kamerad hatt’ diesen Ort erdacht
Und wurd’ von allen dafür ausgelacht.
Er hieß Iranon und war davongerannt …
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ZWIRN
„Der Außenseiter in der Außenhölle,
Nicht mal am Rande jemals wirklich drin —
Bin ich das Garn und auch die Spinnerin,
Die spinnt den Stoff aus modrigem Gewölle;
Sich fragt, warum daran sich man nicht völle,
Warum die andren große Saat aufzieh’n,
Und wo sie finden ihrer Taten Sinn,
Dass sie Kleinbei nicht geben auf der Stelle.“
Nicht dass er sie nicht wahrt, die Etiquette,
Doch manches Mal, wenn er ist angeeckt —
Tat er auch ganz normal! — ist es als hätt’
Ein fremdes Wesen man in ihm entdeckt.
Dann ist es ihm, als sei sein halber Zwirn
Von fernem, völlig anderem Gestirn.
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XXXII. Entfremdung
Sein Körper war nie fort von seinem Ort,
Weil jeder Morgen ihn zurückgebracht.
Sein Geist jedoch wollt rennen jede Nacht
Zu Welten Tageslaufes fern hinfort.
Er sah Yaddith noch bei vollem Verstand,
Er kam auch heil vom Ghooric-Reich zurück,
Bis eines Nachts ihn lockt’ ein Flötenstück
In Leeren an gekrümmten Raumes Rand.
Am Morgen erwacht’ ein älterer Mann
Und nichts sieht ihm aus seither wie vorher.
Die Welt um ihn treibt vernebelt und schwer —
Nichtiges Trugbild vom größeren Plan.
Freunde sind fremde Schar ihm, Akteure
Denen man nie gänzlich angehöre.
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XXII. Für COIL
Ein schlafender Forscher, streunenden Geists,
Trat über die Grenze ins Friedhofsreich,
Wo Leichname sich rollten, Wellen gleich,
Und Unterstes, Tiefstes aufwärts reißt’s,
Aus eiskaltem Griff des traumlosen Schlafs.
Er horcht noch bei Tages gleißendem Licht
Auf die schiffswracktiefen Stimmen der Nacht
Und träumte dabei, er sei aufgewacht.
In Eis gebrannte Schrift kommt ihm in Sicht:
Die Welt ist Wunde im Körper des Herrn,
Und alles in schmerzvollem Wandel im Kern.
Die Ewigkeit aber, sie nähert sich.
Wo alles verschwindet, jeder verdirbt.
Wo jeder sich windet, und alles erstirbt.
Und Gott ist Sadist; und ist’s wissentlich.
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XXVII. Keine Nemesis
Durch ghoulbewachte Tore des Schlummers
In mondblassen Abgründen tiefster Nacht,
Dort hab ich Leben auf Leben verbracht,
Der Angst, des Grauens, jeglichen Kummers.
Ich war alt, als die Menschheit noch jung war,
Ich war dort, wo der Mensch nicht sein dürfte,
Wo Dimensionen mein Odem schlürfte,
Und mein Körper war formlos, ungreifbar.
Oh, wie groß ist die Sünd' meines Geistes.
Nicht die Gnade des Himmels, so heist es,
An diese Verdammnis kommt je heran.
Die Hoffnung nicht auf eines Grabes Ruh
Kommt dieser Schreckensexistenz je zu,
Kein Morgen — an dem ich erwachen kann.
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XXIV. Der Kanal
Im Traum ist irgendwo ein böser Ort,
Gebäude drängen sich verlassen dort
Am schwarzen Kanal, ein dünstender Hort
Von Schrecklichem, das Strömung träg treibt fort.
Sich Gassenmauerschlucht zu schließen droht,
Man kommt zu Straßen, bekannt oder nicht,
Und schwach gießt der Mond ein spektrales Licht
Über Fensterreihen, dunkel und tot.
Man hört keinen Schritt, der einzige Klang
Ist des öligen Wassers weiches Gleiten
Unter Brücken und entlang der Seiten
Der tiefen Klamm mit dem Ozeandrang.
Niemand kennt noch die Ursprungserosion,
Traumverlor'ne Region der Welt von Ton.
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Schatten des Albtraums (C.A.S.)
Welch Hand greift aus Tiefen ungehemmt an
Den Geist, als wie mit Ketten und mit Klang
Und Licht des Traums, mich zu der Grenze zwang,
Wo Dunkelheit die Lippen aufgetan?
Obgleich ich halten noch entgleiten kann
Den Schrecken dieser Allmacht, Abgesang
Von Freudentag und -stund’, gebunden an
Den unumstößlich nah’nden Niedergang.
Dort liegt ein Land, am Mittag Flederratten
Schon dunkler sirr’n als ihre eignen Schatten.
Dahin sie zieh’n über ihr weißes Heim,
Worin von Raum zu Raum, von Saal zu Saal
Verdammte Hieroglyphen uns zur Qual
Sich langsam bahnen wie von Krötenschleim.
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IX. Auf dunkler See
Verrucht, verflucht die Versuchung stets sucht
Auf See uns zu ziehen, aus sich’rer Bucht,
Den Ozean unendlicher Optionen,
Auf’s Meer undenklichster Illusionen,
Aus der Bucht vermeintlicher Erkenntnis,
Wo Bekanntes schon gilt als Geständnis,
Wo alles zu sein scheint in klarem Licht. —
Auf See aber weiß man: So ist es nicht!
In dunklen Weiten herrschen oft Piraten.
Das finst’re Wort trieb dort im Meer der Schatten,
Man teilte heimlich Abschriften davon.
In Konstantinopel nach zweihundert Jahren,
Die erste Übersetzung hat’s erfahren:
Auf Griechisch hieß es NECRONOMICON.
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XIII. Thalassophobia
Wie diese Weite unbegrenzt sich spannt,
Was diese Wassermasse nass bedeckt,
Wie wogend wüst die Fläche sich erstreckt,
Und leckt beharrlich scheinbar sich’res Land,
Auf dass sie eines Tages es verschluck.
Darunter ewig Unbekanntes liegt,
Das flüssige Materie besiegt,
Begraben hat längst unter Tonnendruck.
Vom Mond gezogenes ew’ges Meeresbeben,
Unendlich wiegendes Senken und Heben
Gebar undenklich fremdartigstes Leben:
Dunkelste Mächte in aufwärt’gem Streben.
Doch wie ich auch fürchte die Tiefe so sehr,
So abgrundtief, so hasse ich das Meer.
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Atlantis (C.A.S.)
Hoch über den Domen sammeln sich Buchten.
Weit oben dröhnen bittre Sturm-Triaden,
Doch hier beerdigt Wasser ohne Gnaden —
Taub, mit verschweißten Lippen drücken Wuchten
Des Ozeans. Dunkel, endlos in Schluchten
Mit Städten tangumsponnen und -beladen,
Gallonen bröseln, Kraken in Schwaden
Von Strömung umwund’ne Tore aufsuchen.
Und aus des Meeresleuchten Sternenraum
Ein Strahl des zweifelhaften Geisterlichts
Altäre trifft des Göttinnengesichts
Mit Blüten farbloser Ranken bekränzt;
In Schwingengeschwadern an Himmels Schaum
Schießt schweigend Seegetier vorbei und glänzt.
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XXIX. Dagon
Ich wachte auf von Schlamm und Schlick umgeben,
Wo vor der Nacht mich weites Meer umgab,
Als ich in meinem Beiboot trieb. Fernab
Des Ufers war ich; Ödnis schwarz und eben.
Das Schlimmste war jedoch dieser Gestank
Nach faulem Fisch, verwester Kreatur,
Wie auf dem Totenacker der Natur,
Worin mit jedem Schritte ich versank ...
Ich wurde gerettet und weiß nicht wie,
Doch was ich dort sah, vergesse ich nie.
Man sagt, ich sei wahnsinnig, sähe Gespenster.
-- Verzweifelt habe ich Drogen genommen.
Sie helfen mir nicht. -- Es gibt kein Entkommen.
Oh Gott, diese Hand! -- Das Fenster! Das Fenster!
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XXX. Cyanophobia
Ich weiß, die Sterne, sie sind da, doch seh’
Ich über mir am Tage nichts als Bläue,
Die als Verblendung ich zu sehen scheue,
Doch anzusehen kaum ich widersteh’.
Das Blau, es ist nicht wirklich existent.
Es ist, was Erde von der Sonn’ erhält
Und dann dem Kosmos dumpf entgegenstellt.
Es lediglich das Licht vom Lichte trennt.
In blauer Stimmung, da beweine ich
Erkenntnis, die doch würd’ zerreißen mich.
Verblendung hält den Lebenswillen wach.
Geh weg! Du heitere Himmelsheuchelei.
Nicht blauäugig, dann lieber finster sei.
Den wahren Himmel sehn, sind wir zu schwach.
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XXVII. Der Älteren Pharos
Von Leng aus schießt, wo Felsen ragen nackt
Und öd zu Sternen, fremd aus Menschensicht,
Ein Strahl abends auf von bläulichem Licht;
Manch Hirte jammernd betend in sich sackt.
Es kommt (doch dort war keiner), wie sie sagen,
Vom Leuchtfeuer eines Turmes von Stein;
Der Älteren Letzter lebt fort dort allein,
Redet zum Chaos mit Trommelschlagen.
Und das Ding eine Maske soll tragen.
Von gelben Seidenfalten sei versteckt
Das unirdische Haupt, und zu fragen
Wagt keiner, welche Züge sie bedeckt.
Viele ersuchten das Glühen gebannt,
Doch was sie dort fanden, ward nie bekannt.
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X. Der König in Gelb
Was im tiefen Rl’yeh Cthulhu, das ist
Der nicht-genannt-sein-soll in Carcosa.
Im Pharos residiert er ebenda
Als in Lumpen gehüllter Antichrist.
Drei Sonnen stehen dort am Horizont.
Es heißt, dass Aldebaran umkreist er.
Verbannt oder nicht, zu höhnen dem Meister.
Am Hof von Carcosa er schweigend thront.
Das Ding eine Seidenmaske soll tragen.
Und niemand traute sich nach ihm zu fragen.
Und dann, wenn jemand fragt: „Was machst du da?“
Dann sag: „Ich bete nur am Traumaltar.“
Auf jegliche Ordnung schick einen Hass-Schwur
An den Unnennbaren, den Großen H . . . . .
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XXVI. Xanthophobia
Siehst du das gelbe Flimmern, wie es flirrt?
Wie Wespengift es in die Augen sticht,
Vergällt in Schwärze noch dir jede Sicht.
Tanzt auf der Netzhaut, und das Hirn verwirrt.
Aus gelben Augen starrt dich Krankheit an,
Es widert dich an, erfleht einen Kuss,
Verspricht der Zunge bittersten Verdruss.
Du ahnst, dass selbst dein Blut vergilben kann.
Ein gelber Dunst aus gelben Quellen steigt,
Ein Schwefelberg im Sonnenlicht sich zeigt.
Und alle Farben erliegen dem Gift,
Verdorrt in Fetzen, die in Schlieren weh’n.
Mag Grün zu Gelb und Rot zu Schwarz vergeh’n,
Wenn Narretei mit Gallengold sich trifft.
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XXII. Saligia 2, Avaritia Hasturs
Heran mit Euch! Kommt her und bringt mir Gaben!
Tretet ihr Gläubiger, an meinen Thron.
In Scharen kommt, wo viele kamen schon.
Zwar hab ich viel, doch will ich alles haben,
So tretet ein in den Theatersaal,
Von schmutzigem Gold erstrahlt mein Gewand,
Und habt ihr nichts, so zahlt mit dem Verstand
Und schenkt dem Drama das Material.
Der König in Gelb entführt euch zum Tanz,
Jedoch die Maske ist kein Mummenschanz.
Ich mehre der Gaben schmierigen Glanz
Und was mir gehört, gehört mir stets ganz:
Ich hab das Buch, die Glocke und den Ring;
— Und giere noch, dass man die Lampe bring.
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XXIII. Trugbild
Ich weiß nicht, ob sie jemals existiert' —
Verlor'ne Welt im Flug des Zeitenraums —
Und doch seh ich sie oft, sie irisiert
Hinter den lila Nebeln manches Traums.
Seltsame Türme von Flüssen umgeben,
Lichtgewölblabyrinte selten erdacht,
Himmel in Flammen, zitterndes Beben,
Gedankenschwer kurz vor der Winternacht.
Öde zum Riedufer reicht dort das Moor,
Hügelwärts der Riesenvögel Zug und
Im alten Dorf, der Kirchturm schwebt mir vor,
Ich hör ihn läuten noch zur Abendstund.
Ich wage nicht zu wissen von dem Ort —
Ob wann, warum ich war, ob sein werd’ dort.
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X. Wachstum
. . . und nachdem Theodorus Philetas
Versteckt, geheim in Konstantinopel —
Auf das die Verbreitung sich verdoppel! —
Unter Blicken des heiligen Vaters,
Das Arabisch des Kitab-Al-Azif
Akribisch in Alt-Griechisch übersetzt’,
Den Schrecken auf das Christentum so hetzt,
Der Pabst empört dagegen Sturm anlief.
Geschätzte zehn Dekaden braucht’ es nur,
Bis Schwarzkünstler waren auf seiner Spur.
Die im Azif beschrieb’nen „Großen Alten“
Waren von keiner Obrigkeit erdacht,
Ob Dämon, ob Teufel, sie hatten Macht.
Das NECRONOMICON war nicht zu halten.
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XIX. Die Glocken
Jahr für Jahr hört’ ich das ferne Läuten
Tiefer Glocken durch den Mitternachtswind
Von einem Kirchturm, den niemals ich find,
Klingt es heran wie aus tiefen Weiten,
Aus Träumen, aus Erinnerung. Mir schwant,
In Visionen könnt' ein Hinweis lauern
Aufs stille Innsmouth, wo die Möwen kauern
Um einen Turm, den ich einmal gekannt.
Wie stets hört ich verblüfft der Klänge Ruf,
Bis dann im März mich rauer Regen trug
Durch die Gedächtnistore, die er schuf,
Zu Türmen, wo wie toll der Klöppel schlug.
Er schlug — in sonnenloser Flut die Stund
In einem Tal am toten Meeresgrund.
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VIII. Der Nachfahre
In London gibt es einen Mann, der schreit,
Wann immer er die Kirchenglocken hört.
Er hält sich die Ohren und flieht verstört,
Es bringt ihn bis zur Bewusstlosigkeit.
Ein Feingeist sei er, heißt's, etwas exzentrisch,
Von Adel, -- und nicht immer so gewesen.
Man munkelt, er habe zu viel gelesen,
Sei mit dem Mann von früher kaum identisch.
Er habe heil'ge Stätten aufgesucht,
Und manche davon war'n vielleicht verflucht.
Es heißt, er habe okkultes Wissen.
Als man ihn aber danach leise frug, --
Und dann besagtes Buch auch bei sich trug ...
Hat er sich schreiend das Haar ausgerissen.
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XXIX. Sehnsucht
Noch jedes Jahr wenn Herbst versonnen glüht,
Schwärmen die Vögel aus auf See, derweil
Sie rufen und schnattern in froher Eil,
Zu Landen der Erinn'rung es sie zieht.
Große Stufengärten, Blütenbäume,
Alleen von Mangos, köstlich und fein,
Verflochtene Äste im Tempelhain —
All dies zeigen ihre vagen Träume.
Sie suchen die See ab nach den Landen —
Nach der großen Stadt, weiß und reich verziert —
Doch nur Wasser der Horizont gebiert,
Dass am Ende sie heimwärts nur fanden.
Doch tief versunken im Krakengedränge
Vermissen die Türme Vogelgesänge.
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Die Tat jenseits der Tat
Rane mit dem Schwert, oft als der Narr verschrien,
Steuert sein Schiff zu unbekanntem Land;
Am Bug des Drachenbootes er nun stand.
Darüber man mit Purpurbaldachin
Den großen Faltenwurf des Banners seh.
Das Ruder trotzt mit harter Hand der Flut.
Auf Luv die Schilde surren resolut.
Der rote Mond schlägt auf die rote See.
Rane mit dem Schwert, vor dem in Furcht wir weinen,
Gen Westen deine Segel nah’n zu sehn,
Wir hegen Liebe nicht für deine Zucht —
Blut trocknet nicht wie Wasser — es will scheinen,
Wir zahlen Pacht, das Bangen bleibt besteh’n,
Dass Tat auf Tat den Ansporn in dir sucht.
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VIII. Der Hafen
Zehn Meilen von Arkham nahm ich den Pfad,
Den Klippenweg über dem Boynton-Strand,
Um zum Sonn’untergang zu steh’n am Rand
Des Kamms, der Blick auf das Innsmouth-Tal hat.
Ein Segel entfernte sich draußen grad,
Weiß wie von uralten Winden verbrannt
Und voll böser Ahnung, weit unbenannt,
So hatt' ich die Hand zum Gruß nicht parat.
Segel aus Innsmouth!, der Ruhm hallt noch matt
Aus verstorbener Zeit. Doch eilig Nacht
Zieht heran, auf der Höh’ in Anbetracht,
Wo so oft ich steh, der entfernten Stadt.
Die Giebel sind dort — aber schau! Herab
Sinkt Dunkel auf Straßen lichtlos wie’s Grab!
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XXVI. Grimoires
Allein in Arkham befinden sich noch
In der Miscatonic-Bibliothek
Regale voll Schriften mit dem Beleg:
Sie waren hier. Sie sind. Es gibt sie doch!
Schriftrollen, Tafeln, Gekritzel auf Ton
Und Blätter gebunden in Menschenhaut,
Kosmischer Schrecken der Welt anvertraut
Vor langer Zeit dem „Buch von Eibon“ schon.
„Vermis Mysteriis“, „Cultes des Ghoules“,
„Der König in Gelb“ verfasst somnambul,
Sind in behüteten Bücherschränken.
Man mag nicht dran denken, was Okkultisten
An fragwürd’gen Schriften noch auflisten,
Uralt und bös’. Man mag nicht dran denken.
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IX. Für H.R. Giger
Verdorrt das Wort, verdorben der Inhalt,
Zyklopenhaftes Bild kränklich gefärbt,
Miasmisch infiziert und missvererbt
Im Eiter Grauen jeglicher Gestalt.
Im zähen Morast versinkt Religion.
Aus des Folianten kosmischem Bann
Die Welten von Schrecken, sie kriechen heran
In H. R. Gigers NECRONOMICON.
In Tempelmaschinen, Knochen und Haut,
Auf böse Planeten herabgeschaut,
Verätzt dieses Machwerk jeglichen Gott,
Gekreuzigter Satan, Säuglingsgeschwür;
Öffnet der Meister hier höllische Tür
Zu Ehren Yog-Sothoth und Azathoth?
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XXVIII. Die Tiefen Wesen
Was aber nie ein ganzer Mensch gelesen,
Sind die Schriftzeichen der Tiefen Wesen
Gemeißelt in riesige Monolithen
Am Grund des Pazifiks und in Gebieten
Der Küste bei Innsmouth, wo ihre Stadt
Die Bombardierung neunundzwanzig hat
Mit nur geringem Schaden ausgehalten.
Die Tiefen Wesen behüten die Alten.
Halb Mensch — halb Fisch, im Wasser unsterblich;
Die „Gabe“ von Innsmouth ist vererblich:
Geboren als Menschen, doch — „dazwischen“:
Sie watscheln quakend mit glasigem Blick
Am Ende entmenschlicht ins Meer zurück.
Sie wollen uns bei sich, wollen sich mischen …
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XIX. Ichthyophobia
Sie glotzen dich lidlos, kaltäugig an
Mit wulstigen Lippen und fliehender Stirn.
Ihr schleimiges Rückgrat und Bläschengehirn
Dereinst schon trieb stumm im Urozean.
Und sind sie an Land erst, verströmen sie
Des Universums schrecklichsten Gestank,
Verwesung im Kerne, schadhaft und krank,
Verderbnis jenseits Toxikologie.
Man kann sie nicht fassen, sie schwärmen davon
Die fischigen Massen der Evolution.
Sie glitschen noch, flitschen durch unser Gebein,
Der menschlichen Rasse nicht wohlgesinnt.
Du solltest sie hassen, wo immer sie sind,
Und niemals sie lassen in dich hinein!
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XXV. St. Unken
Er schrie: "Hüt' dich vor St. Unkes Läuten!"
Ich war südlich des Flusses eingetaucht
In Straßen, wie zum Labyrinth gestaucht,
Wo Träume Jahrhunderte bedeuten.
Er sah verstohlen aus, zerlumpt und krumm,
Und taumelte sogleich aus meiner Sicht.
Ich wühlte weiter mich im Abendlicht
In Häuserreihen, bös gezackt und stumm.
Kein Stadtführer schreibt, was hier nach dir heischt—
Des nächsten Alten Krächzen gleich erstirbt:
"Hüt' dich vor St. Unkes Läuten!" — Zermürbt
Hielt ich an, als ein dritter Graubart kreischt:
"Hüt' dich vor St. Unkes Läuten!" Ich lauf —
Und plötzlich taucht der schwarze Turm dort auf.
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Der verrückte Alte
Hey Mister, hast du einen Drink für mich?
Ich könnte einen guten Schluck vertragen,
Das hilft bei Rheuma und bei andren Plagen.
Bist nicht von hier, was?! Sowas seh’ ich. —
Hab hier so lang ich denken kann gelebt, —
Als ich noch Kind war, kam es aus dem Meer,
Das Übel. Seitdem ist nichts wie vorher —
Das ist Geschichte, — nach der man nicht gräbt …
… Der alte Marsh versteckte seine Frau,
Woher sie kam, weiß niemand so genau.
Er hat sie aus der Südsee mitgebracht. —
Dann kamen sie vom Teufelsriff herauf,
Die Dinger. — Siehst du sie, dann lauf!
Komm, noch ’nen Schluck. Es wird schon langsam Nacht .
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Osterinsel (R.E.H.)
Wieviel Jahrhundert’ müde mögen’s sein,
Seit fremdäugige Wesen einst hier gingen,
Hörten, wie wir, das grünen Meer erklingen,
Als einst sie meißelten den grimmen Stein!
Auf bloßem Sand steh’n die Götzen allein.
Den Jahren wirkungslos war all ihr Singen,
Vergessen in, was trübe Zeiten bringen;
Und doch, wie einst, dröhnt’s Branden ungemein.
Welch Träume hatte, wer den Fels behauen?
Welch Opfer gab welch Göttern hier sein Blut?
Welch purpurn Barken zollten hier am Strand
Tribut welch dunklen Meesreskönigs Klauen?
Doch nun regieren sie vergess’nes Land
Versperrt für immer jenseits weiter Flut.
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XXX. Merkmale
Die Leute von Innsmouth werden gemieden.
Man sagte mir, sie seien sehr verschlossen.
Aus Inzucht gewisse Merkmale sprossen,
Die bald sie von anderen unterschieden.
Es begann achtzehnhundert achtunddreißig
Als Käpt'n Obed Marsh in Handel trat
Mit den Karnaken, einem Inselstaat. --
Danach gab's Gold und Fische reichlich.
Die Eigenheiten kommen mit der Zeit:
Die Haare werden dünn, der Mund dir breit,
Auch Häute zwischen Fingern sah man schon,
Die Augen treten vor, starr wird der Blick,
Im Alter riechen sie nach faulem Schlick; --
Von Obed Marshs Enkelin bin ich ein Sohn.
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IX. Der Innenhof
Es war diese Stadt, ich kannte sie schon;
Aussätzige Wohnstatt, wo Mischlingsmob
Den unheil’gen Gong anschlägt und darob
Gesang anstimmt, fremden Göttern zum Lohn.
Verdorben schau’n Häuser mich fischäugig an,
Sie beugen sich halb-beseelt, trunken vor.
So schob wie durch Unflat ich mich durchs Tor
In den schwarzen Hof, wo sein würd’ der Mann.
Wände umschlossen mich dunkel. Ich schwor,
Nie mehr zu betreten ein solches Loch,
Als plötzlich die Fenster zerbarsten vor
Wildem Licht, Menschen tanzten noch und noch:
Ein stummer Rummel, toller Totentanz,
Ob Hand oder Kopf — kein Leichnam war ganz.
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XXXI. Der Brauch
In Innsmouth gibt es jährlich einen Brauch;
Wer nicht Familie hat, der kennt ihn nicht,
Und wer nicht teilnimmt, verliert sein Gesicht;
Doch zur Berufung sei's vergeben auch.
(Die kommt für jeden, wenn er älter wird!)
So mancher viele Jahr an Land verbringt,
Bevor er endlich dann ins Wasser sinkt.
Am Ende doch geh'n alle unbeirrt.
Die jungen Männer durch die Stadt man treibt,
Wobei man sich heftig an ihnen reibt.
(Doch Fremde selbstverständlich ausgenommen.)
Denn selbst die Alten kröchen dafür hoch,
Zu zerren an ihren Beinen noch,
Bis sie zum Teufelsriff hinaus geschwommen.
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XXXII. St. Unken II
Ich weiß es noch, so war ich doch dabei!
Zum Sonnenuntergang läutet St. Unken,
(So mancher sei dabei, sagt man, ertrunken,
Was doch vielleicht das bess're Ende sei.)
In Innsmouth's engen Straßen herrscht Gedränge.
Wer jetzt zum schwarzen Turm kommt, der muss laufen;
Und unter Tritten, Schubsen, Grölen, Raufen.
-- Doch ist es nur zu Teilen Menschenmenge!
Zum Kai hin das Gewühle noch anschwillt,
Im Schwall es aus dem öl'gen Flusse quillt.
Ich weiß noch genau, wo es mich ergriff. --
Und dann ins Wasser: Der Rest wird geschwommen,
Wo Älteste lüstern von unten kommen ...
Gerettet bist du erst am Teufelsriff.
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X. Die Tauben-Flieger
Sie hakten mich unter, wo Ziegel sich
Wölben von schmierigen Übeln, träufeln;
Mit verzerrten Gesichtern drängt man mich,
Zwinkert zu fremden Göttern und Teufeln.
Millionenfach Feuer in Straßen schwelt,
Und von Flachdächern man verstohlen noch
Schmutzige Vögel zum Himmel schickt hoch,
Versteckt die Trommel den Takt dazu zählt.
Ich wusst’, es schwelte von monströsen Dingen,
Und die Vögel kämen vom Draußen her —
Vom dunklen Planet im Pendelverkehr
Kam Fracht, gebracht von Thog, unter den Schwingen.
Noch wurde gelacht — Das Lachen verschlug,
Was einer der Vögel im Schnabel trug.
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XIX. Arthur J.
Das Leben ist als Angelegenheit
Schon hässlich, jedoch vor dem Hintergrund
Von unserem Wissen davon wird profund
Die Andeutung dämonischer Wahrheit,
Die diese Hässlichkeit vertausendfacht.
Dank der Enthüllungen der Wissenschaft
Wird uns als Menschen vielleicht unstatthaft
Der Status der Spezies zugedacht.
Sie könnte die Spezies Mensch vernichten.
Sie liefert ungeahnte Geschichten,
Die man vor Grauen kaum ertragen kann.
Was Arthur Jermyn über sich erfuhr,
Es brachte ihn zum letzten Schritte nur:
Er ging aufs Moor und zündete sich an.
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Altamira (R.H.B.)
„Toros!“ ruft ein Kind, als es nach oben schaut.
In dauerhaftem Schatten sich erstreckt
Ein Bilderzug, in Dunkelheit versteckt
Bevor die Pyramiden warn erbaut.
Denn diese tote Höhle diente schon
Zum Unterschlupf von was nicht Mensch noch Affe,
Von neuer Kreatur mit Stein als Waffe
Verstreute Knochen; Man hört keinen Ton.
Die Fackeln zeigen in flackerndem Licht
Ein Tier, die Rippen von Speeren durchbohrt,
Flammender Schmerz, der Jahrtausende schmort,
Die Asche des Feuers zur Nacht erlischt.
Viriles Gekleckse vergang’ner Hände,
Erinn’rung der Frühe beschreit die Wände.
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XII. Die Gnade
Die allergrößte Gnade dieser Welt
Ist unser schieres Unvermögen, das
In aller Gänze zu erkennen, was
Die Welt im Innersten zusammenhält.
Man fand heraus, dass in Sibirien
Die Inuit die gleichen Riten hatten
Wie Voodoo-Priester in Sümpfen der Staaten.
Weltweit singen sie in Delirien
Die selben Worte von gleicher Herkunft
Des selbigen Kultes dunkelster Zunft.
Wer drüber nachdenkt findet keine Ruh.
Gnade dem, der Fakten zusammensetzt.
Nur selten bleibt er seelisch unverletzt,
Denn immer wieder geht es um Cthulhu.
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XXVI. Saligia 6, Invidia Cthulhus
Seit tausenden von Jahren lieg ich hier
Und bin begraben unter schwerstem Stein.
In Träumen schleiche ich mich in dich ein.
Sie schlagen dumpf und dröhnend an die Tür,
Sie schicken Bilder dir von Untersee,
Von einer toten Stadt zyklopengleich,
Von meinem längst versunkenen Königreich,
Den schleimdurchzogenen Mauern von Rl’yeh.
Die andren Alten draußen tummeln sich.
Im Todesschlaf jedoch muss ruhen ich,
Und sinnlos harren der Zeichen der Zeit. —
Sie treiben im Universum umher,
Nur ich lieg gefangen unter dem Meer
Und pflanze in die Träume meinen Neid.
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XXXIII. Hafenpfiffe
Über Dächern und Türmen ist zu hören
Das Gepfeife am Kai die ganze Nacht,
Von ferner Häfen Kehlen dargebracht,
Von Meeren und Stränden in bunten Chören.
Jede der andren fremd und unbekannt
Doch alle durch dunkle Kraft konzentriert,
Von jenseits des Sternkreises arrangiert,
Kosmisch verschmolzen, tief dröhnend sonant.
Durch dunkle Träume die Folge marschiert
Noch dunklerer Formen, Ahnung und Blick;
Als Echo hallt’s aus der Leere zurück,
Von Dingen, selbst ihnen undefiniert.
Und stets schnappen wir im Kehrreimverschnitt
Klang auf, den kein Schiff dieser Welt bracht’ mit.
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XXXIII. Es ist nicht tot
Im tiefen Rl'yeh und in Y'ha-nthlei
Verständigt man sich in Cthuvianisch
Jedoch zum Teil nur ist es akustisch,
Es scheint mehr Schwingung, Telepathie.
Doch kommen Tiefe Wesen an das Land,
Wie regelmäßig in Innsmouth zu seh'n,
So kann man nur Bruchteile versteh'n,
Es knackt, röchelt, gurgelt und pfeift markant.
Was weitergegeben wurde, ist nur
Ein Satz, den man hört auf Cthulhus Spur:
"Ph’nglui mglw’naf Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn!"
-- Die Bestätigung, dass im Haus in Rl'yeh
Noch alles in voller Bereitschaft steh:
Er liegt noch tot und träumt von andern Tag’n.
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XXI. Cthulhu
Das Ding kann unmöglich beschrieben werden.
Es gibt keine Sprache solchen Irrsinns,
Verneinung des irdischen Anbeginns,
Verlust aller Gültigkeit hier auf Erden.
Ein Berg bewegt sich wie eine Qualle
Und stolpert schlingend und taumelnd einher.
Er steigt wie auferstanden aus dem Meer,
Tentakelgesichtig und grün wie Galle.
Zum Ende läutet er, aller Zeiten,
Die dunkle Epoche einzuleiten.
Gott gnade uns, wenn wir ihn kommen sehen!
Sein Kommen ist unabwendbar, doch wann
Schreitet das Ende der Zeiten heran?
Es heißt, es könnte in den Sternen stehen …
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XXXV. Abendstern
Von stillem, verstecktem Orte sah ich,
Wo alter Wald die Wiesen fast umfing,
Ihn leuchten als die Sonne unterging —
Erst schwach noch, doch langsam erhellend sich.
Und dies Fanal, als kam die Nachtenszeit,
Hielt meinen Blick wie niemals etwas wach;
Der Abendstern — gewachsen tausendfach,
Eindringlicher in stiller Einsamkeit.
Skizzen warf er roh auf das Lufttableau —
Mir halb erinnert schon immer bekannt —
Türme, Gärten, seltsame Meere, Strand,
Aus trübem Leben — ich wusste nie wo.
Jetzt aber sah ich, die Strahlen sandt aus
Der Ruf des fernen, verlor'nen Zuhaus'.
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XV. Der Kult
Verschollen, verbrannt, zurecht ausgemerzt?
Vernunft ist jedoch nicht immer beherzt:
Ein alter Einband, so nimmt man es an,
Befindet sich heut noch im Vatikan.
In Harward liegt, Kultisten zum Verdruss,
Ein griechischer Druck fest unter Verschluss.
In London, Paris, Istambul und Rom
Sagt man sei’s, doch ungreifbar — ein Phantom.
Es gab vor Alhazred schon Kultisten,
In Vorzeit schon die Flagge sie hissten.
Sie brüllen Worte aus seit Alterstag’n,
Die der verrückte Araber gehört,
Was damals wie heut’ die Welt noch verstört:
Ph’nglui mglw’naf Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn!
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XXII. Cthulhus Ruf
Was man mangels Worte Wahnsinn nennt,
So es einen Laut wie „ph’nglui“ hervorbringt,
Und man im Schlaf mal schreit mal singt,
Ist das, was man als Ruf Cthulhus kennt.
S’ist oftmals Sendung tieferer Natur:
Der träumende Cthulhu sendet’s aus.
In Rl’yeh liegt er tot in seinem Haus,
Wo seiner Wiederkunft er harret nur.
Nicht nur Alhazred hörte den Gesang.
Man lauschte vor und nach ihm auch schon bang
Auf dunkle Zeichen der alten Wesen.
Es zeugen ält’re Schriften auch davon.
— Es gibt nicht nur das NECRONOMICON!
Die Alten waren, sind und sind gewesen.
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Für O. Preußler
Der große Petrosilius Zwackelmann
Adeptus Magnus Necromantiä
Spricht: „Fitzlibutzli, Beelzebub — Iääh!“
Und zieht den Kreis für seinen Zauberbann.
In seinem Zimmer Bücher überall
Zu Stapeln aufgetürmt sich stumm erhöhen,
Dass er dazwischen kaum noch ist zu sehen,
Am Boden, auf dem Tisch und im Regal
Und ein Gerippe hält das Kerzenlicht.
Hab Acht! Wenn er die Zauberformel spricht,
Dann blitzen aus den Augen ihm die Funken,
Dann ist es um das Gute schlecht bestellt.
Denn alles Edle, Schöne dieser Welt
Verwandelt er in Kröten und in Unken.
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XV. Indeme Grunde
Indeme Grunde entsprangen Quellen
So reich, dass auf Wegen, Mauern, Stiegen,
Da auch die Wasser nie ganz versiegen,
Sich Unken, Poggen, Frösche gesellen.
Die Dorfkinder trieben mit dem Getier
Manch groben Unfug und Grausamkeiten,
So dass der Dorfschullehrer beizeiten
Beschwor den Nöck, zu helfen hier.
Er sollte den Kindern den Spaß verleiden.
Doch konnte der Lehrer es nicht vermeiden,
Dass der Nöck sie zu holen begehrte. --
Der Lehrer wurd' aus dem Dorf getrieben,
Der Nöck jedoch sei noch lang geblieben,
Und Kinder noch oft ins Unkenreich zerrte.
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XIII. Die Klebrige Hand
Es wurd’ das Werk schon in Fraktur gesehen,
Latein, von Olas Wormius gesetzt.
Die Inquisition wurde drauf gehetzt.
Doch was ist mit dem Original geschehen?
Die Kirche hat alles, was sie nur fand
Woran Abdul Alhazreds finst’re Hand
Klebte, verboten, verbrannt und verbannt
Aus ihren Archiven, soweit bekannt …
Das arabische Original jedoch,
Wie alles, was nur entfernt nach ihm roch,
Gilt zwar seit Wormius als verschwunden,
Doch war’s der Gelehrte Doctor John Dee,
Der fertigte eine Englisch-Kopie,
Von der man noch Fragmente hat gefunden.
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XIV. Dr John Dee
John Dee hat sechzehn-, siebzehntes Jahrhundert
Als Hof-Alchimist seiner Majestät
Gewirkt, der Königin Elisabeth,
Als solchen hat ihn die Krone bewundert.
Der arabischen Schrift war er mächtig;
Das Ur-Alphabet sucht' er bei Engeln
Und ließ sich durch ein Medium gängeln.
Der christlichen Welt war er verdächtig.
Von fragwürd’gen Engeln wurd’ ihm diktiert,
Wie man das Wort des Hennoch buchstabiert.
Er suchte die große Weisheit im Stein.
Doch hatte Dee Alhazreds Exemplar?
Sein Tod sechzehn-acht war unabwendbar:
Der Stein der Weisen kann Gallenstein sein.
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XI. Der Brunnen
Bauer Seth Atwood mocht' achtzig schon sein,
Da wollt er das Brunnenloch nah beim Haus.
Nur Eb half ihm; sie huben endlos aus.
Wir lachten, dachten der kriegt sich bald ein,
Statt dessen ist Eb mit übergeschnappt,
Sie haben ihn in die Anstalt gepackt.
Seth hat den Schacht noch mit Stein zugepappt —
Sich dann die Arterie aufgehackt.
Nach der Beerdigung gingen wir noch
Raus zu dem Brunnen und brachen ihn auf.
Nur Tritteisen sahen wir in dem Loch
Und Schwärze, verschlossen es gleich darauf.
Wir fanden das Loch — Wir sagten es nicht. —
Zu tief, als es eine Zeile ausspricht.
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XVII. Wilburs Fleck
In Arkham, Neuengland befindet sich
An der hiesigen Universität
„Das Buch“ als gefährliche Rarität,
Doch aus guten Gründen nicht öffentlich.
Es heißt, an der „Miscatonic“ hat man
Versucht das NECRONOMICON zu stehlen,
Zum Unheil über aller Menschen Seelen,
Was man (laut Erzählung) vereiteln kann.
Der Eindringling wurd’ auf der Tat entdeckt,
Beherzt mit einem Schuss niedergestreckt,
Doch kurz nach dem Ableben war er weg.
Es heißt, seitdem die Bibliothek hätt’
Als Mahnmal auf dem gepflegten Parkett
Einen stattlichen, eingeätzten Fleck.
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Der Odem Yog-Sothoth’s
Dieser Geruch, die Blume des Bösen,
Als ob in eines toten Hundes Maule
Das Zahnfleisch wie gespeiter Sud verfaule,
Als würde Eiter gährend noch verwesen,
Als hätt ein Guhl sein letztes Mahl erbrochen.
Als ob sich etwas, nicht von dieser Welt
Verachtend Lebendem entgegenstellt.
Es sinkt auf die Knie, wer dies hat gerochen.
Wo durch die Luft in Schlieren es sich zieht,
Verseucht sein Dunst wie ätzend das Gebiet
Und rafft dahin, wen es nicht fort getrieben.
Wem es gelang im Würgen fortzurennen,
Der weiß, wahrhaftig ist, was steht geschrieben:
An ihrem Geruch sollt ihr sie erkennen!
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XXVI. Die Vertrauten
John Whateley, eine Meile vor der Stadt,
Zum dichten Hügelland hoch, an der Schwelle;
Wir dachten, er wär' nicht besonders helle,
Wie er den Hof verkommen lassen hat,
Hing über Büchern den ganzen Tag,
Die hatte unterm Dach er gefunden,
Bis man ihn als verkniffen empfunden,
Und alle sagten, dass man ihn nicht mag.
Als er nachts rumheult’, beschlossen wir, dass
Drei Männer vom Stadthof hingeh’n sollten,
Die ihn zur Sicherheit wegsperr’n wollten —
Sie kamen ohne ihn zurück und blass.
Man fand ihn redend zu gebückten Dingen,
Die flogen auf sogleich, auf schwarzen Schwingen.
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XXIII. Saligia 3, Luxuria Yog-Sothoth’s
Ich sah und spürte ihren weißen Leib,
Als sie im Wald den Wächterberg bestieg,
Wo dann geschah, was immer sie verschwieg:
Im Steinkreis auf der Kuppe ward sie Weib.
An meinem Geruch sollst du mich erkennen.
Mein pulsierender Körper lässt dich beben,
Und wie im Wahn nach der Begattung streben,
Bis alle meine Küsse in dir brennen.
Lavinia Whateley’s Albinoblässe
Benetzte ich geil mit Sporennässe,
Bevor interstellar ich mich verkroch.
Yog-Sothoth ist der Wächter und die Pforte.
Beschwörest du mich an unheil’gem Orte,
Bin ich der Schlüssel und du bist das Loch.
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XI. Untermenschlich
Karl Heinrich, Graf von Altberg-Ehrenstein,
Verschollen in des Kaisers U-Boot-Krieg,
Ihm ward er versagt, der groß-deutsche Sieg,
Doch ich, sein Enkel werde siegreich sein!
Im Auftrag des Führers zur Zeit stationiert
In einem kleinen Dorf beim Wuppertal
Obliegt sie mir, die strategische Wahl,
Wo man die Flugabwehr positioniert.
Der beste Blick nach Süden, Richtung Rhein,
Muss wohl vom Dach des Schulgebäudes sein.
(Die Menge an Lurchen irritiert mich.)
Die Dorfleut' sind nicht kooperativ,
Auch hörte ich Stimmen während ich schlief,
Und diese Stimmen klangen untermenschlich.
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XXVII. R.U. Pickman
In Salem war es in Privatbesitz,
So man den Pickmans Glauben schenkt, —
Denn nicht alle Pickmans wurden erhängt.
Doch R.U. Pickman hatte finst'ren Witz:
Er malt’ nicht nur den Teufel an die Wand.
Die Bilder raubten schlichtweg den Verstand.
Doch eines Tages er einfach verschwand.
Man sagt, er sei in einem „fernen“ Land.
Er malte „Ghoule beim Fraß“, lebensecht.
Er malte bösartig jedoch nicht schlecht.
Sein Werk raubte jegliche Sympathien;
Es zeigte meist hündische Leichenfresser,
Doch Scharen davon, je mehr desto besser.
Er malte Gemälde nach Photographien.
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XXIII. Triskaidecaphobia
Die 10 ist zählbar mit Fingern der Hand.
Die 11 ist mehr als voll, und treibt es bunt.
Die 12 ist rund als Dutzend im Verbund.
Die 13 aber sprengt der Zyklen Rand …
Die 13 aber stört das Zeitenrund …
Sie steht unter keinerlei gutem Stern.
Der 13. am Tisch frevelt dem Herrn.
Sie glotzt dich an mit verkniffnem Mund.
Am 13. ist Ruh noch ungesund.
Ach ließe er mich aus, der Unglücksstand.
Ach ging sie nur vorbei die Unglücksstund.
Es bleibt dabei. Ich seh, wenn ich mich umblick’:
Bei 13 lauert immer nur das Unglück.
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XXIV. Die Aussage des Randolph C.
Ich weiß nicht, was mit Harley Warren ist.
Wir nutzten ein altes Feldtelefon
Bei Nacht zur Mausoleums-Exkursion.
Betrachten Sie ihn einfach als vermisst …
Wir hatten Kabelvorrat wie noch nie.
Ich sollte, sagte er, oben bleiben.
Er ging und wollte, was er sah, beschreiben:
Er sprach von Legionen von Teufeln, schrie.
Er schrie ins Telefon: „Mein Gott! Hau ab!“
Danach kam endlos Stille aus dem Grab.
Ich brabbelte weiter wie ein Idiot,
Doch dann versetzte es mir einen Stoß —
Die Stimme war hohl … entfernt, … körperlos …
Was sie sagte: „Du Narr! Warren ist tot!“
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XVI. Jenseits I
„Was wissen wir“, hat Tillinghast gesagt
„Von Welt und Universum um uns her?
Wir sehen, wie wir können — und nicht mehr.
Der Horizont wird selten hinterfragt.
Wir geben vor, mit unseren fünf Sinnen
Den grenzenlosen Kosmos zu begreifen,
Wobei wir nur den Bruchteil dessen streifen,
Welch Weiten jenseits davon erst beginnen.“
Er war schon früher sehr erfinderisch
Und eine Maschine stand auf dem Tisch,
Die Einfluss auf unsere Sinne hätt,
Denn sie erzeuge spezielle Wellen.
Dann wagte er, sie in Betrieb zu stellen.
— Ich sah etwas in Ultraviolett.
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XVII. Chromophobia
Es war eine Farbe von außerhalb,
Ein Sendbote aus der Unendlichkeit,
Ein Licht vom Naturgesetz befreit
Beleidigt das Auge als flirrender Alb.
Die Farbe, sie brennt. Sie brennt feucht und kalt.
Die Farbe, sie saugt uns das Leben aus.
Wie unheilig schimmern Scheune und Haus,
Wie gibt sie dem Garten lepröse Gestalt.
Die Farbe, in Worte zu fassen nicht,
Unirdisch grell irisierendes Licht,
Das jegliches Leben gnadenlos klaubt,
Das alles zu sich macht, die Welt übernimmt,
Dass ungreifbar schillernd alles verschwimmt;
Die Farbe die mich des Verstands beraubt.
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XVIII. Jenseits II
Als summend dann seine Maschine lief
Erzählte er, die Dienstboten sind fort.
Gekündigt? — Doch warum, dazu kein Wort.
Ich sah einen Lichtozean. Er rief:
„Nicht bewegen! - Man kann uns jetzt sehen.“
Ich sah Dinge durch meinen Körper gleiten,
Ein Kaleidoskop aus schimmernden Weiten.
— Und was war mit dem Personal geschehen?
. . . Bezüglich der Boten hatt’ er gelogen.
Ich hatte längst den Revolver gezogen;
Als Formen amorph in einander flossen,
(— Sie umschwebten uns endlos, überall!)
Erlag Tillinghast einem Herzanfall.
Ich hatte seine Maschine erschossen.
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XXX. Melophobia
Musik! — Ach Musik, was willst du von mir?
Versetzt mein Innerst in fremde Schwingungen,
Vernetzt mir ungefragt Erinnerungen.
Sei still! Ach sei Stille, du Hirnwurmgetier!
Mein Herz du hetzt. Der Schädel schwillt mir an.
Dein stetes Wimmern ist nicht zu ertragen.
Dein stumpfes Hämmern schlägt mir auf den Magen.
Ich schreie, weil ich’s nicht ertragen kann.
Willst du mit Harmonien mich verhöhnen?
Mir das Gewitter, das im Kopf mir tost,
Mit Dissonanzen dann noch übertönen?
Bleib weg mit deinem abgeschmackten Trost.
Musik ist Nährsubstanz der Fantasie,
Und alle Schrecken dieser Welt begleitet sie!
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VII. Zann
Die Gambe des Zann kennt kosmische Klänge,
Triolen, Septimen, Quintenspiralen,
Crescendi zerreißend in Höllenqualen
Verzwirbeln das Hirn in finsterer Enge.
Die Rue d'Auseil, -- ich fand sie nie wieder,
Wo zittrig Erich Zann mir spielte, bis
Ans Fenster es schlug, der Vorhang zerriss,
Es flackerten ihm die Augenlider.
Er zappelt' mechanisch wie ein Affe,
Dass lüstern tanzendes Chaos klaffe
Und in der Mitte spielt der tote Mann
Halb was der Sternenwind durchs Fenster bringt,
Halb was als Wahnsinn aus der Gambe singt. --
Ich floh vor der Musik des Erich Zann.
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XXXIV. Saligia 4, Ira Azathoths
Was will das Staubkorn von dem Bergmassiv?
Ich bin das Zentrum der kosmischen Macht.
Was glaubst du, was passiert, wenn ich erwacht?!
— Ich kochte innerlich noch als ich schlief.
Ich bin Azathoth, im Zorn wenn geweckt.
Mein Odem ist ein schwarzes Loch im Kern,
Zermalmt im Strudel noch den hellsten Stern,
Lässt Galaxien platzen im Affekt.
So gebe, dass Musik mich lulle ein
Und übertöne blutverschlucktes Schrei’n
Mit monotoner Flöten Aderlass.
Ich hasse meine Existenz, zerschlag
Mit einem Wink, was immer ich vermag,
So man mich stört! — in Zorn und Wut und Hass.
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Die Zwielichtwälder (C.A.S.)
Als abendlich wird violet das Glüh’n,
Das eben noch in reichem, brünst’gem Rot
Am Abendhimmel schien, folg dem Gebot
Von Geisterflüstern ich, als Winde zieh’n
Zu grauer Stunde, Heimliches beschrie’n,
Wo Eich- und Kieferwipfel im Komplott
Das Licht heraus zu sperren droht. Ich trott'
Von ihren Bögen überschirmt dahin.
Das Zwielichtdunkel ist von Zauber hier,
Der alles fremdartig und seltsam streicht:
Groteske Form des Busch- und Baumbestands,
Und Schatten lauern, wo der Wald hinreicht,
Gefühlt doch ungeseh’n, sie fliehen mir
In Tiefen dunkler, von geweihtem Glanz.
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XIX. Die Bergischen Tiefen
Die Täler sind hier Tief und wasserreich
Und manche düster selbst zur Mittagszeit.
Sie spotten dabei aller Wegsamkeit.
Der Bachlau murmelt, einem Flüstern gleich
In Sprachen, mythisch und unsagbar alt.
Ich fand versteckt dort schon so manchen Ort,
Der könnte sein der Alten Wesen Hort
Im Dickicht und im Buchenwald,
Im alten Steinbruch an der Felsenwand,
Am Teichrand, wo dereinst ein Hammer stand;
Unsägliche Geschöpfe lauern dort.
Im Augenwinkel kann ich oft sie sehn,
Wie sie dort ganz in meiner Nähe steh’n.
Doch immer wenn ich hinseh’, sind sie fort.
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XXXII. Olm
Die Häuser waren krumm und halb vermoost,
So eng gebaut, die Giebel trafen sich.
Als ich sie sah, war mir, sie würden mich
Gefräßig fixieren, tot und erbost.
Bei Nacht darinnen hört' ich ein Wimmern,
Ein Röcheln, ein Gurgeln, mal ein Pfeifen,
Wie fremde Sprache, kaum zu begreifen,
Von unten her, aus tieferen Zimmern.
Die Treppe war unter der Kellertür,
Aus Eisen mit Kette. Es kam von hier!
Da war ein Schacht von Keller zu Keller.
Ich kroch hindurch, gegen den Wasserschwall.
Hier hörte ich die Stimme überall ...
Ich sah Es! Ich schrie! -- Doch Es war schneller
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Verbotene Magie (R.E.H.)
Es kam ein Mann in einer Sommernacht,
In Sternenruhe lag die ganze Welt,
Gespenstisch Mondlicht in das Zimmer fällt.
Er flüsterte von unheiliger Macht;
Ich folgte — dann spektrales Licht entfacht
Auf die schimmernden Leitern meiner Seelen,
Wo mondblasse Spinnen, drachengroß, stehlen —
Die Mottenwesen in zartweißer Pracht.
Weltweit bewegt Idioten seufzend sangen
Ob Nebelseen unter falschem Dämmern;
Wuchs eingetönten Himmelskonterfeis;
Ich wuchs in Angst, um dann mit Blut und Schweiß
Den Eisenstoff der Träume auszuhämmern,
Und web’ daraus ein Netz den Mond zu fangen.
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N.Y. (R.H.B.)
Stadt des Gargantua! Die Hügel weit
Zu den Fabriken hin von Rauches Schmutz
Der früh verschmiert in kalter Nebel Schutz.
Doch krank: Wie eintönig zur Tageszeit.
Der endlos leeren Stund um Wegesstund
Von kahler Wand und Schornstein; In den Gassen,
Schmier im Gesicht, die Arbeiter in Massen
Vor untief grauem Himmelshintergrund.
Kaleidoskopisch Bus und Bahn enthält
Ein Menschengefüge jeglicher Zunft,
Verwitterte Herbstlaubzusammenkunft
Wie ziellos im Wind aufkommender Kält’.
Gleichgültig läutet in prächt’gen Akkorden
Der Morgen hinter Fabriken im Norden.
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XXVI. Er (1)
Es war ein Fehler, nach New York zu kommen.
Die Stadt ist tot und schlecht einbalsamiert.
Ich hoffte noch, dass sie mich inspiriert,
Doch war enttäuscht, kaum dass ich angekommen.
Zwei Uhr morgens in Greenwich Villages Gassen,
Gekleidet im Stil Achtzehntes Jahrhundert,
Gestand er, er sei keineswegs verwundert,
Warum die alten Indianer ihn hassen.
Sein Großvater hatte sie noch gekannt.
Dies war ihr Kultplatz, ihr heiliges Land. --
Ich weiß nicht, wie ich aus dem Gedräng' fand.
Die Schwärze kam wie eine Flut herein,
Dann zog sie den Alten in sich hinein ...
Ich kehrte zurück ins saub're Neuengland.
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XXIII. Der Zirkel
Der Hüter der Pforte, Kenner der Kunde,
Ist Howard Phillips Lovecraft, dessen Werk
Die Menschheit erklärt zum hilflosen Zwerg.
Doch er ist Teil einer illustren Runde:
Clark Ashton Smith sowie Frank Belknap Long;
Selbst Robert E. Howard war Kompagnon!
A. Derleth, R. Barlow, -- unzähl'ge Namen;
Lin Carter ... und viele weitere kamen.
Bierce, Machen, Dunsany, Chambers und Poe
Zuvor schon hatten Anteil, bereiteten so
Kosmischen Schrecken und finstere Sonn’.
Selbst Hohlbein und King geben Bericht …
Und es geht immer weiter. Sie endet nicht:
Die Geschichte des NECRONOMICON.
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XXVII. Er (2)
Ich traf ihn in einer schlaflosen Nacht.
Ich war von New York desillusioniert,
Die Menschen hier waren degeneriert.
So hab ich mich nächtens aufgemacht
Zu retten die Träume, meine Seele.
Die Stadt, sie war mir Grauen und Schwere.
Vor Sonnenaufgang nur bot die Leere
Das Mindeste dessen, was mir fehle.
Nachts um zwei bot er sich als Führer an,
Durch Gassen von Greenwich schritt er voran,
Ich sah unterm Hutrand kaum sein Gesicht.
Und er führte mich ohne viele Worte
An die alten und verkommenen Orte.
Ich folgte, jedoch ich traute ihm nicht.
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XXXI. Gegensätze
H.P. Lovecraft ertrug keine Kälte.
Im Winter fiel er manchmal einfach um.
Er liebte die Katzen um sich herum.
Von Eiscreme er Unmengen bestellte.
Nachdem seine Mutter verstorben war,
Zog zu einer Autorin es ihn hin,
Verwitwet war die Dame und hieß Green:
Mit einer Jüdin trat er zum Altar.
Er hasste Juden, war konservativ,
Sah er einen Schwarzen, er N***** ihn rief.
Er war überzeugt gottlos, Atheist,
Doch liebte das Weihnachtsfest er von Herzen;
Ein Mann mit Humor von trockensten Scherzen;
Und war aus tiefster Seele ein Rassist.
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II. Xenophobia
Du siehst zu viele fremde Menschen hier
Mit scheelem Blick und kränklich dunkler Haut.
Es ist nicht nur die Haut, vor der Dir graut:
Vor allem sind sie alle nicht wie wir.
Wer weiß, was in den Köpfen vor sich geht?
Es wär’ gefehlt auch einem nur zu trauen.
Die fremde Herkunft schon bereitet Grauen;
Wer weiß, ob nicht ein Götzenkult besteht,
Der heimlich uns’ren Untergang erstrebt?
Es heißt, dass mancher alte Kult noch lebt,
Von Heidengöttern, doch absonderlicher —
Sieh wie sie tuscheln. — Hast Du sie erkannt?!
— Das Wissen über sie ist hoch brisant …
Hier bist Du Deines Lebens nicht mehr sicher!
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XXVIII. Er (3)
Der Leichnam von New York, er ist befallen
Von Fremden, dunkelhäutigem Geschmeiß,
Menschenmassen, die hier zusammenprallen,
Und nur die Wenigsten davon sind weiß.
Ich war beunruhigt, als er mich ansprach
An jenem Vollmondmorgen im August.
So gut ich konnte folgte ich ihm nach
Auf krudem Weg, des Zieles unbewusst.
Durch Gassen, die nach Moder rochen,
schlängelten wir uns, kletterten, krochen
Durch engen Korridor und Mauerlücke,
Durch ein Tor und eine Treppe empor.
In einem Raum von uraltem Dekor
Stand er vor mir in Rüschen und Perücke.
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XXXI. Das Typoskript
Die Flitterwochen verbrachte das Paar,
Da Howard’s aktuelles Typoskript
(noch nicht versendet, aber abgetippt)
Am Bahnhof von Providence verloren war.
In Philadelphia und im Hotel
Hieß es, an der Schreibmaschine zu sitzen,
Die Seiten zu tippen nach den Notizen.
Die 30 Seiten schafften sie schnell,
Denn hundert Dollar war der Auftrag wert.
Die Braut tippte brav, hat sich nicht beschwert.
Der Auftraggeber wäre unversöhnlich,
Wär die Geschichte nicht pünktlich versendet.
So wurde sie noch in Eile beendet,
Für Meister Harry Houdini persönlich!
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XXXIII. Der Schwarze Kater
In einer Großstadt wollten Fuß sie fassen.
Der Plan war, in Brooklin zu wohnen …
— kein Geld, keine Arbeit, nur Dosenbohnen;
Und bald begann er Migranten zu hassen.
Sie nahmen angeblich die Arbeit ihm weg,
Die ekligen Maden in uns’rem Speck!
Er zog daraus die einz’ge Konsequenz:
Zurück in sein geliebtes Providence.
So kam er zurück auf Katzen und Tanten,
(Die Tanten waren die letzten Verwandten.)
Was Katzen angeht, wär noch zu erwähn’n:
Er schrieb Weihnachtsgrüße für manche Katz’
Doch hatte er einen besonderen Schatz;
Den schwarzen Lieblingskater Niggerman!
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XXIX. Er (4)
Schon seine Ahnen hatten hier gewohnt,
Den Wilden hatt' den Zugang man erlaubt,
Ihr Ritual wurd' ihnen nicht geraubt.
Man hat sie großzügig mit Schnaps entlohnt.
-- Dann öffnete er den Vorhang, den Blick
Durchs magische Tor, in der Zeit zurück,
Er zeigte Greenwich in üppigem Grün ...
Ich sah auch die Zukunft! -- Ich hab geschrien!
"Der Vollmond." rief er "Du hast sie gerufen!"
Das Dunkel klopfte an, war auf den Stufen,
Auf dass es den Squire schwarz absorbier.
Die Rache des Tomahawks kam herein
Und das modrige Haus, es stürzte ein. --
Das tote New York ließ ich hinter mir.
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6/XXV. Der Traum
Ich wünschte, ich fände ein gutes Buch,
Ich bliebe darin den Rest meines Lebens.
Die Außenwelt, sie riefe mich vergebens,
Es sei denn, ein Leser käm’ zu Besuch
Und schwelgte mit mir in freundlichen Sphären,
Und schritte mit mir durch Städte von Pracht,
Und sähe die Weiten des Kosmos bei Nacht,
Die wunderlichste Reisen uns gewähren
Zu Türmen von Marmor und von Beryll,
Von Schönheit und Glanze, erhaben und still,
Wo besseres Leben dereinst begann.
Man schlüge danach das Buch wieder zu,
Ich bliebe herinnen und hätte Ruh
Im Buch, in dem ich träumend leben kann.
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XXVIII. Ulthar
Im fernen Ulthar, keiner weiß seit wann,
Erließ man einst ein seltsames Gesetz,
Dass niemand Katzen töte und verletz’.
Ein finstres Paar, gleich böse Frau wie Mann,
Die lockten dereinst fremde Katzen an.
Wenn irgendeinem seine Katze fehlt’,
So ward sie dort geschlachtet — und gequält,
Wie man am Jammern hören kann.
Doch einmal kam ein Jahrmarkt aus der Wüste,
Von dem ein Kind sein Kätzchen bald vermisste
Und dieses Waisenkind verflucht’ die Stadt:
In Ulthar war’n die Katzen drauf verschwunden.
Doch wurden sie am nächsten Tag gefunden.
Das Pärchen war tot. — Die Katzen war’n satt!
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XV. Ratten
Ich habe Exham Priory entkernt,
Den Sitz meiner Ahnen neu aufgebaut.
Die Anwohner haben skeptisch geschaut,
Sie hatten mich noch nicht kennengelernt.
Ich wusste nicht, warum das Haus man mied,
Die Dokumente warn alle verschollen,
Ich habe Geschichte bewahren wollen; --
Was von den Bauern dort mich unterschied.
Bei Nacht hört' ich's in den Wänden kratzen,
Verstört waren ich und meine Katzen.
Es gab -- was wir übersehen hatten! --
Noch deutlich ältere Fundamente,
Wo Kater Niggerman permanente
Geräusche vernahm -- unzähl'ger Ratten!
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XII. Der Heuler
Man riet mir deutlich ab vom Briggs Hill Pfad
Nach Zoar, der alten Landstraße von hier,
Weil Goody Watkins, gehängt siebzehn-vier,
Bestimmte Hinterlassenschaft noch hat.
Doch ich wollt’ nicht hören, so sah ich bald
Die Hütte umwuchert am Felsenhang,
Wie Hanfseile, Ulmen, dacht' ich fast. Bang
Verwundert nur: Das Haus schien gar nicht alt.
Da der Tag grad schwand dahin, hielt ich inne
Und hört’ ein Heulen im Obergeschoss,
Sah durch Efeu und Scheibe kurz darinne
Im letzten Sonnenstrahl den Heuler bloß.
Ich sah, — und ich floh wie im Wahn erpicht
Vor dem vierpfot'gen Ding mit Menschengesicht.
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XXIII. Der Wiedererwecker
Die Miscatonic-Universität
Sah nie ein größtes Licht als Herbert West.
Er war genialer als der ganze Rest
In ganz besond’rer Kontroversität.
Er schickte sich an mittels Chemie,
Die Kluft des Todes zu überspringen,
Die Abgelebten zurück zu bringen.
Doch richtig lebendig wurden sie nie.
Das erste Objekt rannte fort und schrie.
Im Krieg, — beim Sport, — einer Epidemie;
Bald folgte ihm der reinste Leichenzug.
Es wurde zunehmend widerlicher!
Und jedes Mal danach war er sicher:
„Verdammt! — Der Leichnam war nicht frisch genug.“
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J. & H.
Die Mächte in uns zu analysieren,
Herauszufinden, wo der Mensch ist gut,
Und wo bestimmt ihn Niedertracht und Wut,
Die wirkenden Kräfte zu kanalisieren,
Die Trennung der Pole lokalisieren,
Den Knoten entwirren mit einem Schnitt,
Den Geist zu befreien, das Tier gleich mit,
Wenn Salze im Becher opalisieren;
So nahm Dr. Jekyll den tiefen Schluck.
Er schrie und spürte einen starken Ruck,
Verlor in einem Riss die Einigung.
Versperrt war der Weg zurück zur Einheit,
Denn Unachtsamkeit nur hat Hyde befreit:
Kern der Substanz war Verunreinigung!
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XVI. Shalem
In Salem, Arkham und Jerusalem,
Mit den Jahrhunderten in aller Welt,
Wird der Besitz des Buches unterstellt, —
In einem Nazi-Bunker gar in Dahlem …
In Shalem, der Stadt mit den siebzig Namen,
Heißt es in orthodoxen Kreisen nur,
Dies Buch, — das gegen jegliche Natur!,
Sei gekommen, als die Moslems kamen.
Die Franziskaner hüten insgeheim,
So heißt's indes bei den Imamen,
Ein griechisches Exemplar. Jedoch beim
Tempelorden weiß man: eine Kopie
Gäb’s auf (— Doch ohne christliches Amen!!)
Hebräisch, auf Basis von Doctor Dee.
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VII. Zamansberg
Sein Gipfel hing über der alten Stadt.
Die Straße endete am Überhang,
Bewaldet, grün und hoch. Schon mancher hat
Gemeint, er schaue bös’ herab schon lang
Zur Kurve, zum Kirchturm. Man flüstert hier,
Dass manches schon am Abhang sei passiert —
Geschichten von einem zerfleischten Tier,
Vom Vater auch, der hier den Sohn verliert.
Eines Tags fand der Postmann kein Dorf mehr.
Die Häuser, die Menschen war’n nicht mehr da.
Leute kamen von Aylesbury her —
Doch die sagten dem Postmann, offenbar
Sei verrückt, wenn er sagt, hier wär' was faul,
Dass der Berg habe Augen, und ein Maul.
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XXVI. Der Überlebende
Sie sagen, ich soll sagen, was ich sah.
Ich sag es nicht, denn es ist unsagbar.
Wie soll ich denn beschreiben, was es war?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Es war da!
Sie sagen, ich sei völlig geisteskrank,
Nur weil ich in den Trümmern lauthals sang,
Und weil ich etwas hastig noch verschlang,
Bevor ich ins Delirium versank.
Sie sagen, ich hätt heftig mich gewehrt,
Sie sagen, ich sei hoffnungslos gestört.
Sie fragen, wo sie abgeblieben sind?
Ich weiß es nicht, ich weiß nur: Es war dort!
Ich sah es — und das ganze Dorf ist fort,
Das Vieh, die Hunde, Mann und Frau und Kind.
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XXV. Freunde
Harley Warren war nicht wirklich mein Freund,
Von Herbert West sprech' ich mit Abscheu nur,
Die Ansichten Pickmanns fand ich obskur,
Bin mit St. John über Gräber gestreunt.
Es ist wahr, dass ich Edward Derby hab'
Die sechs Kugeln durch den Schädel gejagt.
Robert Blake hat etwas zuviel gefragt,
Schon Denys Barry riet ich hiervon ab.
So viele von ihnen sind nicht mehr hier
Und doch sind sie alle längst Teil von mir.
Erinn'rung verschmilzt zu Absurdität.
Wie unzähl'ge Freunde gehen dahin,
Verharr' ich in Grauen, bin was ich bin,
Werd' Teil einer schrecklichen Entität.
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XVI. Das Sonnenwend-Fest
Das Fest ist älter als die Menschheit, denn
Das Trudeln des Planeten bedingt es.
Mal steigt das Licht auf, und manchmal sinkt es.
Das Dunkel ist zum Fest am tiefsten, wenn
Der Tag beinahe zu verschwinden droht.
Die Menschen sich versammeln und sie singen
Bei Kerzenschein, ihr Dunkelsein zu zwingen;
Das Dunkel macht Angst, bringt Kälte und Tod.
Das „Weihnachtsfest“ für üblich nennen wir’s
Doch steht’s tatsächlich im Zeichen des Tiers.
Die Zeiten des Christentums verstreichen …
Dies ist die Zeit schlimmsten Schreckens und Graus’!
Der Tannenzweig! — Der Tannenzweig sieht aus …
Er sieht so aus wie der Älteren Zeichen!
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XIII. Hesperia
Wintersonne flammt hinter Gemäuer
Und Kirchtürm’, halbfrei dieser Welt lapidar,
Öffnet Tore zu manch vergess'nem Jahr,
Von älterem Glanz und göttlichem Feuer.
Darin brennen Wunder, abenteuer-
Beladen, nicht ohne Angstfärbung gar;
Sphinxen in Reihe, der Weg führt offenbar
Zu Mauern und Zinnen, zitternd ferner Leier.
Es ist das Land, wo blüht der Schönheit Sinn,
Wo oftmals, vage Erinn'rung herrührt,
Von wo der Fluss der Zeit hinunterführt
In weiter Leere Strom seit Anbeginn.
Träume bringen uns nah — Doch Sage spricht:
Menschenschritt befleckt’ diese Straßen nicht.
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XXXIV. Wiedererlangung
Der Weg ging abwärts auf halbdunkle Heiden,
Wo Findlinge ragten grau aus dem Schlamm,
Und unangenehm sprühten Tröpfchen klamm
Aus Strudeln drunter, wie aus Eingeweiden.
Da war kein Wind, noch eine Spur von Hall
Tat in Busch und fremdart'gem Baume sich,
Noch jegliche Sicht vorher — bis plötzlich,
Ich gradewegs sah den monströsen Wall.
Die Flanke jäh nach dem Himmel halb heischt,
Mit Kanten bröckelnd, grasigen Fluchten,
Lavasteintritten, die Höhen suchten
Nicht erdacht für menschlichen Schritt. Ich kreischt’ —
Und wusst' von welchem Stern und Jahr ich kehre
Zurück aus traumflüchtiger Menschensphäre!
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I. Der Bote
für Bertrand K. Hart, Esq.
Dies Ding, sagt' er, käme nächtens um drei
Vom alten Kirchhof am Hügel herein;
Noch hockend beim vollen Eichfeuerschein
Erklärte ich selbst mir, dass es nicht sei.
Bestimmt, sann ich nach, war’s nur Juxerei,
Schabernack eines, der uneingeweiht
In’s Älteren-Zeichen von vor der Zeit,
Das Formen linkischen Dunkels gibt frei.
Gemeint hatt' er's nicht — nein — doch zündet' ich
Eine Lampe an bei Leo-Aufgang
Über Seekonk, als die Kirchturmuhr klang,
Drei Uhr — und das Feuerlicht Stück für Stück wich.
Alsdann an der Tür das Rütteln sacht kam —
Irrsinn'ge Wahrheit in Flammen mich nahm
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Was Es War
Es war nicht, wie man denkt, es könne sein.
Auch machte es ein stilleres Geräusch;
So dachte ich, dass ich mich hierin täusch,
Es sei von Fleisch nicht, auch nicht von Gestein.
Es war nichts, dass beschreiben man selbst könnt,
Wenn man sich sicher wäre, dass es war.
Beschreiblich höchstens noch als sonderbar
Beunruhigend und unklar existent.
Es hatte keine Haut und auch kein Fell;
Es blieb im Dunkeln, fast immateriell,
Unfassbarkeit und Klarheit in Vereinung.
Es war nicht groß, doch spürbar äußerst mächtig,
Kam über mich tags, besonders nächtlich.
Es war das tiefe Wesen der Verneinung.
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Die Frist
Du möchtest nicht benennen, was es ist,
Worauf du dich beim Lesen eingelassen.
Du wünschst, es würde dir im Hirn verblassen,
Dir bleibt dafür nur eine kurze Frist.
Was du gelesen hast, willst du vergessen.
Du weißt nicht, wieviel Zeit dir noch verbleibt,
Hoffst, dass es niemals jemand niederschreibt,
Doch dieser Wunsch ist hoffnungslos vermessen.
Denn Dinge die vorbei sind, sind geschehen
Und alles was zu sehen war, gesehen …
In den Sonetten steckt der Hauch des Bösen,
So wahr, wie alte Schriften sich verfärben.
Du kannst es nicht verhindern, es zu lesen:
Du wirst genau in sterben.
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XXVIII. Im Arkham Asylum
Die Tür hat statt der Klinke Polsterungen.
Der Raum um mich ist weich und fensterlos,
Geborgenheit, wie in Alhazreds Schoß.
Der „Ruf“ ist hierher noch nicht vorgedrungen.
In Freud’ verleb ich meine Stunden.
Sie haben Spritzen, Pillen, Arzenei …
Man füttert mich mit einem faden Brei,
Hat mir die Arme hinten festgebunden.
Ich komme hier im Leben nicht mehr raus.
Ich fühl mich wohl in Arkhams Irrenhaus.
— Glaubt nur nicht Toth Tarok-Spiel sei wie Poker …
Denn in der Gummizelle nebenan
Da kichert ein humorvollerer Mann
Mit grünem Haar, und ihn nennt man „den Joker“!
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XIX. Shoggottherie
Wo Cthulhu träumt, wo Azathoth döst,
Wo Nyarlatothep spöttisch lächelnd winkt,
Wovon Shub-Nigurraths Ausgeburt trinkt,
Zig zischt, Haustur die Seidenmaske löst,
Wo Mi-Go vom Yuggoth entführen dein Hirn,
Wo Yog-Sothoth in Dir in Dunwich keimt,
Tsathogquas formloses Gezücht verschleimt,
Wo Eiswinde wild Ithaqua umschwirr’n,
Wo Vater Dagon aus dem Schlick entsteigt,
Sich Mutter Hydra Tiefen Wesen zeigt,
Wo Night-Gaunts tragen schweigsam Dich davon,
Shoggotthen-Scharen blubbern aus dem Schlund,
Wo Äonen gestaucht zu dunkelster Stund:
Dort liegt das wahre NECRONOMICON.
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VIII. Medusa (nach H.P.L.)
Im bösen Gift, an eigner Galle reich,
Im schwarzen Herz wohnt keine Liebe ihr,
Nur Hass und Bosheit finden hier Quartier;
Aalt sich Medusa, fetter Kröten gleich.
Vor solcher Pest, welch Rettung mag uns sein?
Pistolenschuss nicht richtet Schaden an,
Wo er nicht Herz nicht Hirn durchbohren kann,
Welch Bannspruch wirkt bei ihren Heuchelei’n?
Auch zögern auszuräuchern wir an sich
Ein Echsending, selbst noch so widerlich.
— Wir warten, dass Himmel Erlösung bringt,
Die Schlange an eigenem Gift ertrinkt.
Und so das Monster schwillt und bläht und rollt,
Sich zahnlos zerrend tausend Seelen holt!
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XX. Peccatophobia
Was mach ich falsch? Wem hab ich was getan?
Bin ich nicht Schuld an so viel Leid der Welt?
Erzürnt nicht meine Tat das Himmelszelt?
Die Welt, sie stirbt, und ich bin Schuld daran,
Da ich am Menschen mich versündigt hab,
Da den Problemen ich unachtsam war,
Ist meine Schuld zutiefst unabwendbar.
Ich immer tiefer mich darin vergrab.
Die Strafe droht mir sicher und geduldig;
An allen sieben Sünden bin ich schuldig,
Denn meine Existenz ist Sündenfall:
Saligia, die sieben Mumen sind es,
Sie sind die Ammen des verdorb’nen Kindes.
Und Sünde, Schmach und Schande überall …
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XV. Ophidiophobia
Im Wesentlichen ist die Schlange Kopf.
Trifft dich ihr Blick, so sticht ihr Sichtfeld dich,
Schnellt sie zum Biss, verspritzt sie Gift an sich,
Und züngelnd wimmelt der Gorgonenschopf.
Im Wesentlichen ist ihr Kopf ein Schlund.
Dahinter kriecht ihr Leib in Schlingung.
Sie hören nicht, sie spüren deine Schwingung —
Zu Schlingen ist der Schlange Ziel und Grund.
Sie will sich schnappen, holen alles, würgen;
Nur ihrer Falschheit kann man sich verbürgen,
Ist Luzifers Meister der Hinterlist.
Zertritt sie! Zerschlag sie in Stücke!
Sie ist das Böse. Mitleid unterdrücke,
Bis unter deinen Fuß zermalmt sie ist.
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29—GEIZHALSGOLD (R.E.H.)
Sie sagte “Keine Angst, der Mann war blind.
Wie könnt er sehn, dass wir sein Gold geklaut…
Zum Teufel, Mann! Du tönst doch sonst so laut.“
Drauf er: „Man weiß nie, wo die Tücken sind.
Sind wir auf See erst, ham wir Rückenwind.
Der Typ ist mit Dämonen recht vertraut…“
„Nun mach die Kiste auf — und reingeschaut.“
Und still war’s als sie klopften an den Splint.
Ein Glanz der Silber- und der Glitzerdinge—
Zwei Steine funkeln in Seide gerollt —
Nur Plunder — Gott! war das eine Klinge?!
Ein Schrei, ein Fluch, zwei Körper steif. Es zollt
Tribut die Schlange, die davon sich schlinge,
Juwelenäugig wacht am Geizhalsgold.
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XXIII. Swamp Thing #8 (1974)
M’Nagalah verordnete das Leben.
M’Nagalah beschenkte uns mit Gewalt.
M’Nagalah nimmt jegliche Ungestalt.
M’Nagalah wird wachsen an und streben.
M’Nagalah beschlich Lovecraft, Bierce und Poe.
Er ruft zu uns aus alten Mieneschächten.
Er flüstert es uns ein in dunklen Nächten,
Ist überall und doch auch anderswo …
Das Ding aus den Sümpfen konnt’ sich entzieh’n
Soeben, denn niemand kann ihm entflieh’n.
Er ruft alle zu sich, ob Mensch ,ob Tier,
Und wächst an allem, was er absorbiert.
Das Leben ist Sein und wird usurpiert.
M’Nagalah, das göttliche Krebsgeschwür!
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Der Schwächling (R.E.H.)
Ich starb in Sünde und fuhr in die Höll’.
Ich richtete zwischen Kohlen mich ein,
Wo Flammenmeer bricht sich an Schlackenstein.
Bis Satan kam und brüllte mit Gebell:
„Du da! — Wie kamst du her? Berichte! Schnell!“
„Die Jugend habe üppig ich verschwendet,
Mit Frau’n und dunklen Seelen es beendet;
Ich starb betrunken im Kampf im Bordell.“
Drauf er: „Mein Freund, hier könn’ wir dich nicht parken:
Zu unsrem Schmaus wirst du es so nicht schaffen —
Wie Bänker, Politiker oder Pfaffen;
Los, raus mit Dir! Hier ist der Ort der Starken!“
Ich dachte nach — War ich nicht ein Rebel?!
Er lachte nur und warf mich aus der Höll’.
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XXV. Theophobia
O großer Gott, ich fürchte Dich so sehr;
Du bist an Größe nicht zum überbieten.
Ich halte mich an alle Deine Riten.
Du herrschst zu Luft, zu Lande und im Meer.
O Gott, ich sinke vor Dir auf die Knie,
Und wenn Du kommst wird endlich Dein Reich siegen,
Bis dahin magst Du tot und träumend liegen,
Wahrhaftig im Gesang der Blasphemie …
Iäh, Shub Niggurath, der schwarzen Ziege!
Iäh, Nyarlathotep, — Er, der siege!
So strafe mich in blut’ger Ungeduld,
Die Größe Deiner Macht ist absolut.
Zermalme mich, O Gott! Ich bin nicht gut,
Durch meine Schuld, durch meine tiefe Schuld.
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Weißer Tod (C.A.S.)
Ich dacht, die Welt läg wie in Frost gebunden:
Die Sonn’, wie von Ehr und Furcht fahl gemacht,
Erhellt noch Land, das nie zu Tau gebracht.
Auf meinem Weg in raschen Abendstunden
Stand Tod in dämmrigen Schleiern gebunden,
Die Augen das Licht vergaßen, bis ich
Kam an, wo ungeteilte Flamm’ ergießt sich
Von Geistersonn’ in Reflexion geschunden.
Tod liegt offenbar in aller Härmnis:
Unstillbar horizontlose Ödnis;
Tiefen die Riegel nicht, Schleier nicht fass;
Jed Färbung von Sonn’ und Welt ist erblicht,
Zunichte gemacht in gleichförm’gen Licht
Erweist sich Dunkelheit schutzlos und blass
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XIX. Aviophobia
Nie wieder werd’ ins Flugzeug ich mich setzen,
Besteig solch Höllenmaschinen nicht mehr.
Im Luftelement fühl ich mich zu schwer.
Die Vorstellung allein macht mir Entsetzen.
Die Welt, auf die von oben ich geschaut,
(Es war kein Wahn, ich habe es gesehen!)
Die Berge des Wahnsinns dort, sie besteh’n:
Zyklopentürme, vorzeitlich erbaut.
Wer weiß, was aus der Höhe sich noch zeigt?
Mein Blick hat in die Tiefe sich geneigt …
— Selbst wenn die Wege sinnvoll sich verkürzen,
Wir werden von oben Zeugen der Zeit,
Doch sind wir diesem Zeitenblick gefeit?
Ich weiß, was ich sah: Die Menschheit wird stürzen!
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XXVII. Leukophobia
Die Wesenlosigkeit der weißen Färbung,
Das Ideal von Reinheit greift uns an,
Als ob es Unbeflecktes geben kann
Und Unschuld sei Option einer Vererbung.
Das weiße Tuch erinnert uns an Leichen.
Gespensterhaftes Weißes nächtlich tanzt,
Wohinter sich Verstorbenes verschanzt,
Bis endlich selbst die Knochen noch erbleichen.
Die Milch, der Schnee, das Mehl, — es will uns blenden,
Als ob auf weißem Blatt wir Weisheit fänden,
Als ob das Gute sei nur rein und weiß. —
Die weiße Bestie, namenloser Schrecken,
Verschlingt das Durcheinander bunter Flecken,
Und gibt damit ihr wahres Sinnen Preis.
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XV. Antarktos
Aus tiefem Traum dringt Riesenvogel’s Flüstern
Vom Kegel, schwarz, mitten der Polarwelt;
Über der Eisschicht einsam und düstern,
Und gänzlich von Sturmäonen entstellt.
Ferner Sonnen blasser Auroren Schein
Hierher, wohin nichts Ird’sches Kurs will halten,
Glüht auf den narb’gen Fels, der sei, kann sein,
In vager Vermutung noch von den Alten.
Wenn man es sieht, fragt man sich lediglich,
Worauf dieses Naturkunststück wohl ruht.
Der Vogel sprach, der Großteil rage nicht
Hervor aus Meilen von Eis, tief lauert die Brut.
Gott hilf dem Träumer, des’ Wahnbild hier zeigt,
Wie Totenblick sich in Kristallbucht neigt!
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XXVIII. Melanophobia
Wo selbst das Weiß schwarz ist, im Schwarzen Loch,
Der endlosen Vernichtung letztem Hort,
Nichts als saugende Leere gibt es dort
In Finsternis nur. Und sie dreht sich doch.
Das Schwarz, es saugt die Zeit, gemahnt uns an
Dunkelste Ewigkeit, vertilgt das Licht,
Kann Sonnen fressen, reflektiert sie nicht
Und zieht das Seiende in seinen Bann.
Hast du zu tief in Schwärze erst geguckt,
Sind Helligkeit und Freude wie verschluckt,
Erfährst du, wie Dunkelheit saugen kann.
Wenn ohne Schwärze wäre sicherlich,
Verblendet von dem Lichte wäre ich,
So habe ich doch Angst vorm Schwarzen Mann.
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IX. Fungus Phallus Impudicus
Das Ding mit miasmatischem Gestank,
Und von Gestalt, die Frau wie Mann verschreckt
Sich widerlich zum Himmel aufwärts reckt,
Natur zuwider, verhöhnend, blass und krank.
Und rings umher in der Senke ich fand
Gelege ungeschlüpfter Blasphemien,
Die im Verborg’nen ungestört gedieh’n,
Bei deren Anblick mir wurd’ blümerant.
So manche Eihaut mocht’ geborsten sein.
Ich wagt’ es nicht. — Ich schaute nicht hinein!
Als in der Ferne ein Gewitter groll,
Da wusste ich, (und Myriaden Fliegen
Umschwärmten mich!) die Verwesung wird siegen,
Und was auch immer aus dem Schleim hier quoll.
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XXII. Im Zweifel
Man Zweifel mag hegen der Existenz
Des Buches, denn wer hat es je gesehen?
Und was ist mit jenen, die’s sahen geschehen?
Kann sein, es gibt es nicht. — Doch jeder kennt’s!
Doch sollt’s das Buch tatsächlich nicht geben,
So ist es nur Teil der Informationen,
Denn jene die glauben, gibt es in Legionen.
Der Glaube ist von vitalem Leben!
Wo Glaube ist, da mag auch Wahrheit nisten;
Man weiß es nicht, doch was wär’ wenn wir wüssten?!
Jeder Beweis ist aufs Höchste begehrlich.
Denn überall belauern uns Kultisten;
Wer Zweifel streut, versucht zu überlisten.
Und wer zu viel weiß, der lebt oft gefährlich.
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XXXVI. Eine Warnung
Doch dem geneigten Leser sei gesagt,
So er auf Fragen Antworten begehrt,
Dass hier nicht zur Erbauung wird gelehrt.
Es kann zerreißen ihn, wonach er fragt.
So lese Leser, Du nicht anders kannst,
Doch wisse, dass Du selbst der Boden bist
Aus dem vielleicht die kranke Aussaat sprießt,
Die mittels solcher Schriften ausgepflanzt.
Es sei zu lesen, zu gewisser Stund,
Bei Leibe alles andre als gesund,
Wenn man auf solche Schriften schweigsam schaut.
(Es war schon so, — und wieder kann’s geschehen:
So man herüber schaut, wird man gesehen.)
— Doch niemals (Niemals!) lese man es LAUT!
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XXIX. Prasinophobia
Der grüne Kobold, die Männchen vom Mars,
Der Hulk, der Riddler und das Kryptonit,
Das grüne Zeug aus dem Meteorit;
Psychose eines Comic-Antiquars!
Doc Octopus und Pioson Ivy’s Grün,
Was Gamma-Strahlung aus dem Forscher macht,
Mir welchem Gift im Blut der Joker lacht,
Was aus der Laterne für Strahlen glüh’n:
Das Grün zeugt von der and’ren Art des Lebens,
Das Ding aus dem Sümpfen, — selbst Cthulhu! —
Kommt es in Gang, ist Widerstand vergebens.
Und warte nur, balde grünest auch Du!
Es singt dort ein Frosch auf moosigem Stein
Davon, es sei nicht leicht, so grün zu sein.
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Die Affen und das Böse
Sind wir denn anders als besagte Affen? —
Ich will nicht meinen, dass wir anders sind.
Wir hocken da, sind taub und stumm und blind
Und werden nie es bis zur Weisheit schaffen:
Wir sagen nichts denn es ist unsagbar,
Wir sehen uns das Elend auch nicht an,
Wir hören lieber auch nicht hin, denn dann
Hört man auch keine Lügen. Wunderbar!
Doch warum hocken diese Affen dumm
In einer Reihe in der Gegend rum? —
Wer wirklich drüber nachdenkt sieht im Nu,
Dass ihre Weisheit ist, wie jeder weiß,
Im Grunde ist nur ignoranter Sch . . . —
Ich reih’ mich ein und halt die Nase zu.
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M + B + C 2024
Ein Triumvirat wie es bei Johannes
Zum Kindelein kommt, um Gaben zu bringen,
Kommt hier um zu lesen (nicht um zu singen).
Denn seht! -- Ein Wunder, hier begann es!
Der Erste bringt uns manch düstere Mähr,
Der Zweite kredenzt uns Blumen und Bienen
Und Wortkunst legt dar, der Dritte von ihnen
Der Menschheit wie auch den Zombies zur Ehr'.
Ach, läsen sie nur für immer und immer
In diesem Stall, dem Stirnhirnhinterzimmer,
Gekleidet in schwarz, kahlköpfig und ünni,
Es lauschten ihnen Esel, Schaf und Rind.
Kein Zweifel, dass diese drei Könige sind!
Die heilige Jungfrau aber ... heißt Günni.
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XXX. Das NECRONOMICON Ex-Mortis
In einer ziemlich miesen Hütte fand
Ash Williams ein wirklich ekliges Buch.
Es war belegt mit einem üblen Fluch,
Zudem war es mit Menschenhaut bespannt.
Als wär’ dies nicht schlimm genug gewesen,
Hatt’ es dazu ein hässliches Gesicht.
Doch das alles hinderte Ashley nicht,
Daraus im Keller laut vorzulesen …
Es handelte sich, man ahnt es schon,
Dabei um’s alte NECRONOMICON,
Doch diesmal mit bunten Bildern, wobei:
Der Text war sumerisch und inspiriert’
Abdul den Verrückten. — Wen’s interessiert:
Tentakel gibt’s erst Ende Staffel 3.
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XXXV. Für H.C. Artmann
So wie das Licht der Kerze Wind verlischt,
Der Gärten Grün wird kühn vom Traum belebt,
Figur schlüpft aus Figur, aus Duft geweht,
Wird einst von meinem Stein die Schrift verwischt.
Ich ruf dich, heißer Lucifer herbei!
Nun hat der Fröhlichkeiten dunkler Wahn
Mein Herz verführt, ganz sonder Sinn und Plan.
Lehr mich der schwarzen Falter Zauberei.
Wo wird der Ausgang, wo ein Ende sein?
Der Magier brach sein Nebelglas im Zorn.
Die lange Nacht hat nichts gebracht als Pein.
Nun ziehen Schwaden frei durch Baum und Farn.
Das Dasein hat das Scharlachtuch vergraut
Zu Asche eh ein neuer Tag erblaut.
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XXX. Hintergrund
Niemals kann Rohes, Neues binden mich,
Denn das Licht ich in einer Altstadt erblickt’,
Vor meinem Fenster drängten eingeknickt
Die Dächer zum urigen Hafen sich.
Butzenscheiben und Lünetten, bestrahlt
Vom Abendlicht und beschnitzt filigran,
Kirchtürme mit güldenem Wetterhahn —
Sie gaben dem Kindheitstraum mir Gestalt.
Schätze der Zeit, als sie Sauerteig hegten,
Können nur lösen den Halt nicht'gen Geists,
Den Glauben verwirrte, und gleitend reißt's
Ob Mauern zwischen Erd' und Himmeln, fegten
Sie, schnitten dem Jetzt die Zügel. Befreit
Steh ich allein vor der Ewiglichkeit.
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XXI. Cthuvian
Ph’nglui sll’ha r’lhuvulgt m’ai
Ys’uhn tharanak’og nail il yaa
Cthrod phlegeth ear uh’e ah
C’ron nn-gotha ooboshu hai.
Naflshugg sgn’wahl Azathoth
Naflshogg w’nafl mnahn’ li’hee
Ng’phlegeth r’leu ron ee.
H’shag ni’ gh’ri mg shoggoth.
Grah’n gnaii hnyth lll goka
C’fhalma fm’latgh mg kn’u gotha
Goif’nn, y nglui ph’ooboshu vln Uaa’hah!
Zhao kadishtu shogg geb nog
Hupadgh hrii grab’n hl’rghog
Yn stell’bsay vulgtlaglnsyha’h. Iaah!
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XXXII. Der Fluch
Du hörst Musik, sie dringt in Dich hinein.
Die Musik ist Schwingung in Frequenzen,
Unterteilt in Takten und Sequenzen,
Nichts als ein körperliches Stelldichein. --
Du siehst ein Bild und es lässt Dich nicht los.
Ein Bild ist nichts als bloße Projektion,
Das Augenlid schon bietet Protektion.
Ein Bild ist Schreck des Augenblickes bloß.
Doch liest ein Buch Du, ist es dir mental!
Das Wort im Hirn birgt and're, ew'ge Qual.
Es wird Dich perfide ewiglich lenken:
Das Wort ist Schwingung, Projektion in Dir. --
Komm also, folge der Schrift. Folge mir!
Denn Du bist verflucht, in Worten zu denken.
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XXVII. Saligia 7, Acedia Shub-Nigguraths
Iäh! Die schwarze Ziege aus dem Wald.
Iäh! Shub-Niggurath mit tausend Jungen,
Die tausendfach gesäugt mich eng umschlungen,
Umwirren meine knospende Gestalt.
Ich taumel träge in den Baumeswipfeln
Und meine Brut trieft von mir wie Melasse,
Bedeckt die Erde unter mir als Masse,
Steigt schlingernd wimmelnd auf zu Bergesgipfeln.
Sie platzt aus den Ödemen metastatisch —
Ich waber im Gehölzenmeer apathisch,
Gebäre dunkle Jungen jeden Schritts.
Sie steigen ins All, versickern im Boden.
Ich bin der Uterus und bin der Hoden
Eines zermalmenden, behuften Tritts.
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XXXI. Fungus Coprinus Comatus
So gib, es sei feucht dort und nicht zu heiß.
Im satten Grün des Grases sei
Tief unter den Halmen so manches Ei,
Vereinzelt, daumengroß, von mattem Weiß.
Bald stößt es aus dem Erdreich dann hervor
Wie mattes Porzellan ohne Glasur,
Doch kommt’s ans Licht, zeigt’s andere Natur:
Ein hoher Hut mit fransigem Flor,
Noch weiß, doch bald mit zottiger Mähne,
Das vom Polar Besuch man wähne,
Alswie von Yuggoth Gleichgesinnte.
Von innen wird das Ding nun rosarot,
Dann braun, zerfließt es schwarz bald wie der Tod.
Es bleiben nur die Flecken wie von Tinte.
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XV. Bibliophobia
Sie zeigt uns den Rücken, die Kompanie,
Doch damit schon geht sie uns machtvoll an.
Um uns ist’s, wenn sie wenden sich, getan,
Und ganze Mauerfronten bilden sie.
Doch wehe, wenn sie ihren Schlund auftun …
Man hüte sich vor ihrem gift’gen Biss.
Ihr Innerstes ist tiefste Finsternis.
Kein Mensch ist gegen diesen Sog immun.
So haltet sie geschlossen, öffnet nicht
Was Worte kennt und doch hat kein Gesicht,
Verderbend frisst es ins Gehirn sich dir.
Verbrennt das Holz, das hier wurd’ pervertiert!
Als Asche nur es seine Macht verliert,
Denn jedes Buch ist Monster von Papier.
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XXIX. Das Buch III
Entsetzt schlug das Buch ich zu und ich schrie.
Ich hatte alle Schrecken dieser Welt
Herauf beschwohr’n, die es nicht hält,
Die niemals enden. Nimmer! Nie!
Sie bliesen aus dem Kosmos durch das Buch … —
So Azathoth, Dämonenfürst regier!
So rumpelt etwas quakend an der Tür.
Was kann es sein? — So spät Besuch?!
Ich schau zur Tür, jedoch ich seh’ sie nicht.
So dunkel war es vorher nicht — Mehr Licht!
Dazu pfeift wild auf die Kakophonie. —
Im Schrei warf ich das Buch fort. Ich befand
Mich nicht am Hafen, nicht in Neuengland,
Ich war in Spähren ew’ger Agonie.
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XXI. Die Suche
Wo bin ich, und wenn ja, dann wann und wer?
Ich finde mich im Traume selbst nicht mehr.
Flieg ich durchs Traumland auf dem weißen Schiff?
Schwimm ich bei Innsmouth raus zum Teufelsriff?
Ist mein Gehirn für immer konserviert?
Hab an der Miscatonic ich studiert?
Bin Lovecraft ich? -- Alhazred? -- Oder Poe?
Schlaf seit Äonen ich? -- Wenn ja, dann wo?
Die Antwort darauf kennt der Zeitenwind,
Er spielt mit deinen Ängsten wie ein Kind.
Er ist der Schlächter, wir die Kälber --
Ich forsche nach den Schrecken dieser Welt,
Bin dabei ganz auf mich allein gestellt
Im Albtraum, auf der Suche nach mir selber.
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Nomophobia
Ich bin vom Rest der Welt wie abgeschnitten
In unerträglichster Isolation,
Als hätte ich ein Amputation
Und übelsten Organverlust erlitten;
Als würd’ die Welt da draußen nach mir schrei’n,
Verfallen alles, was ich aufgebaut,
Von niemandem gesehen und angeschaut.
Die Welt, sie dreht sich fort.- Ich komm nicht rein.
Kann niemandem meinen Status angeben.
Es ist, als würd’ ich eigentlich nicht leben.
Ich spürte es nach 10 Minuten schon.
Ich habe kein Netz, das halten mich könnt’.
Wahrscheinlich gelt ich jetzt schon als verpönt.
Im fäkalen Sturm der Desinformation.
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XVII. Weitsicht
Ein stumpfes Hexenwerk ist Religion,
Ein Hokuspokus, unberechenbar,
Ein Zerrbild dessen, was ist wirklich wahr …
Der Mensch will glauben, doch was weiß er schon.
Wir wissen, dass eine Erdrotation
Ein Milliardstel nur des Kosmos ist,
Doch lächerliche tausend zählt der Christ.
Ein Jahr ist für die Ewigkeit ein Hohn;
Ein Jahr, ein Tag in Zwölftel unterteilt,
Illegitimer Bruch, wo Einheit weilt —
Das Eins der Raumzeit gab es vor der Zeit!
Und mannigfaltig dehnt das All sich aus
In Dimension’ die dem Verstand ein Graus:
Jenseits der Zeit nur gibt es Ewigkeit.
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X. Gegengötter
Lovecraft war überzeugter Atheist,
Sah gottlose Himmel trostlos sich dreh’n.
Als Kind hatte er noch Götter geseh’n,
Doch ließ nicht besteh’n, was Hirngespinst ist.
Dabei hielt er Ordnung für sehr wichtig,
Befolgte die Regeln seiner Kultur,
Gesetzte der Menschen, nicht der Natur.
Der Liebe Gott war ihm dazu zu nichtig.
So blickte er (und nicht ganz ohne Hohn)
Sanftmütig herab auf die Religion,
Es wuchsen Gespinste an ihrer Stelle:
Ein Pantheon des Albtraums füllte sie;
Statt Glaube liebte er die Fantasie,
Denn erwachsen zu sein, war ihm die Hölle.
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XXXI. Die Wahrheit
Abdul Alhazred war fünf Jahre alt,
Sein Vater verstarb in der Irrenanstalt.
Die Stadt hieß „Fügung“, also Providence,
Ein Hafen neuenglischer Dekadenz.
Die Mutter neurotisch, ängstlich und schrill;
Ein Kind das entschlossen Poet werden will.
Es hatte zu lesen sich selbst beigebracht
In Großvaters Bibliothek in der Nacht.
Im Traum sah er Monster ohne Gesicht.
Woher sie kamen, wusste er nicht.
Man gönnt' dem Kinde jeglichen Faible.
Er las die Ilias und huldigte Pan.
Arabische Märchen zeckten ihn an:
Aus Howard ward Abdul mit Turban und Säbel!
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XXXIII. Walpurgisnacht
In Dreiviertelmondes Glüh'n, Walpurgis,
Als ich durch's Fenster schau ins weite Tal,
Erheischt das Licht in einem fahlen Strahl
Das tanzende Flirr'n meiner Nemesis.
Die Nacht zum Mai, wo Hexen feiern dort,
Der Hügel der Stadt verschwimmt meinem Blick.
Es kommt und reißt mich vor und zurück.
Ich spüre mein Gesicht nicht mehr. Es ist fort.
Der Zeiten enthoben ist mir, ich hätt'
Statt eines Mundes ein Schauer-Sonett,
Jed' Wort ein Zahn, doch faulig und ranzig.
Dann hör' ich ein Lachen schrill durch den Wind,
Weiß nicht mehr welche Worte meine sind;
Wir schreiben 2024.
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Der Jabberkat’lhu
S’war draust’ge Grämmernacht und Gnahsts von droben
Verfehmten sich in zähem Trangewölk,
Die Fängenschlurfer machten fern Gebölg
Und Flausen in den Brägen leise stoben.
Mein Weg gedruckt durch Grachtenschluchten wankte,
Als immig blicknah, doch wie im Affluckt
Verbargt, dass es mir durchs Gekröse zuckt,
Ein Plauern schnitthaft durch die Nebel zankte.
Ich wusste wohl, dass hier der Kat’lhu jabbert,
Dass hier gerinntet, was sonst rl’yehsam tabbert,
Es drangsalte nach Arm wie Bein wie Sinn …
S’war draust’ge Grämmernacht und Gnahsts von droben
Wie Flausen in den Brägen immig stoben,
Wo fortan drohnig ausgebarst ich bin.
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Zauberspiegel (C.A.S.)
Seht her, ich Zauberspiegel bring euch hier,
Dämonengehämmert aus Mondmetall
Zu Halb- oder Vollmondform: Überall
Darin sind Feen, die entschwinden dir
Und Pompeji-Phantome untransparent,
Lieblich wie Fleisch und Marmor; Weltenraum
Von Sonnen, Saturn entstiegen im Traum
Und Goldwelt versunken, nie existent.
Du siehst darin unförmiges Verhängnis
Und ghoulverblüffendes Grabgefängnis;
Vergessen, Augen mit Tränen Mohnöls,
Auch Liebe, Blüten im Geisteslandfeld
In Reglosigkeit des Sandelgehölz’;
Doch nimmer die mäk’ligen Menschenwelt
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XXXI. Der Blick
Wenn Ephraim Waits Tochter Azenath,
Ein zierliches Ding mit stechendem Blick,
Dich anschaut, schaust du wie gebannt zurück,
Als ob ihr Wesen dich gefangen hat.
Und weichst du ihrem starren Blick nicht aus,
So wird dir flau und es verschwimmt das Bild,
Wirft dich herum, bist du auch ungewillt,
Und plötzlich schaust du selbst aus ihr heraus.
Du schaust, noch fassungslos, dich selber an,
Befindest dich zu tief in ihrem Bann,
Bist wie gelähmt und rührst dich nicht.
Es ist, als ob du in den Spiegel siehst,
Dabei jedoch nicht selbst die Fäden ziehst.
Und du kannst hören, wie sie aus dir spricht.
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XIX. Eisophobia
Das dort im Spiegel kann doch ich nicht sein!
Die Welt dort jenseits ist verdreht in sich.
Ich bin ein Rechtshänder! Das bin nicht ich!
Das dort hat in der linken Hand den Stein!
Vom Hintergrund kam es herangetreten;
Die Wege dort sind falsch herum verzweigt,
Und Licht nur da, wo es der Spiegel zeigt.
Was willst du? — Ich hab’ dich nicht hergebeten!
Und wie das Böse aus den Augen quillt
Dort dem entstellt verdrehten Ebenbild.
Ich weiß: Kommt es heraus, so muss ich sterben!
Jetzt holt es mit der Linken aus zum Schlag,
Was zu parier’n mit rechts ich noch vermag …
Und dann zerschlägt es mich in 1000 Scherben.
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XXVIII. Erwartung
Ich weiß nicht, warum manches Ding für mich
Geist enthält von tiefster Wunder Kenntnis,
In der Mauer des Horizonts ein Riss
Zu Welten, Reichen der Götter an sich.
Es steht die Erwartung vage im Raum
Von altem Pomp, den halb erinner ich
Als abenteuer- und unkörperlich,
Voller Ekstase, frei wie ein Tagtraum.
Im Sonnenuntergang und im Gemäuer,
Im alten Dorf und Wald und Nebeltal,
Im Südwind, in der See, im Stadtlicht, mal
Ist’s ein Lied, und mal im Mondenfeuer.
Es machen Köder Leben lebenswert,
So unerrreichter Hinweis bleibt begehrt.
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XXXII. Die Mutter
Es heißt, der mütterliche Zweig kam schon
(laut Stammbaum der Phillips) um sechzehn-dreißig
Aus England. Erst spät gebar sie den Sohn,
Und sagte ihm oft, sein Gesicht wär abscheulich.
Sie zog ihn gerne wie ein Mädchen an.
Noch konnten sie im Haus der Phillips wohnen ...
An Syphilis starb dann der Ehemann.
Sie wollte Howard, wo es ging, nur schonen.
Zur Schule ging er kaum, galt als zu kränklich.
Sie war um ihren Sprössling immer ängstlich.
Doch auch seine Mutter wurde nicht alt,
Denn ihre Zustände wurden schlimmer
Und schließlich blieb die Angst ihr für immer.
Sie starb in selbiger Irrenanstalt.
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VII. Gynophobia
In welchen Abgrund musst du tauchen ein
Des meistens wohlverhüllten Unterleibes,
Und kannst du es nicht fassen, so beschreib es
Im Zweifelsfall in nüchternem Latein.
Es gilt: in dubio pro libido.
Denn treffen sich in utero Gameten,
Bevölkern sie nach Kräften den Planeten
Ohn’ Geist und Sinn und contra ratio.
Wenn widerwärtig ekle Säfte schäumen
Und Körper schwitzend, spritzend auf sich bäumen,
Fängt oftmals harmlos an es, mit dem Kuss.
Wer, wenn das Loch von Haar umwoben prangt,
Wär’ nicht, der um sein Seelenheil auch bangt,
Denn abgrundtief ist jeder Koitus.
____________________________________________-
Briefe
Es ist, als klaffe zwischen aller Welt
Und mir ein Abgrund fast unüberwindlich,
Als wär’ auf einem Eiland ich befindlich,
An dessen Klippen jedes Schiff zerschellt.
Die Wasser um mich rum jedoch versiegt
Sind. Wer zu mir den Weg hinüber sucht,
Der steht vor einer bodenlosen Schlucht,
Die Bestenfalls ein Ruf noch überfliegt,
Als flüchtige Brücke über die Tiefe.
Auch schreib ich an die 100.000 Briefe.
Und wenn doch jemand in der Zwischenzeit
Sich tragisch beim Versuch die Rippen bricht,
Entbehrt es, dies sei eingestanden, nicht
Einer gewissen Unterhaltsamkeit.
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XXXIV. Robert Blake
"Die Lichter sind aus! -- Fünf Minuten jetzt schon ...
Es steht und fällt alles nur mit dem Blitz.
Das Ding nimmt von meinem Verstand Besitz.
Das Licht, das Dunkel in Konfusion ...
Ist Nyarlathotep mein Avatar? --
Yuggoth, der schwarzen Planeten Leeren ...
Kann nicht das All des Lichtes durchqueren!
Nicht sehen, doch alles fürchterlich klar.
Roderrik Usher ... Dunkel ist Licht,
Fern ist nah und nah ist fern. Sehe nicht ...
Dass Azathoth in Gnade mich sauge!
Ich bin Blake. -- Ich bin Es. -- Und Es ist ich ...
Werde verrückt! Yog Sothoth rette mich!
Das dreilidrige, flammende Auge!“
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XXIII. Fungus Auricularia Judae
Es möge jeder hören, der hat Ohren.
Doch Judas fragte: Was ist Plus am Leben?
— zu Eden sollt’ es einen Baum doch geben …
Doch besser wär’s, er wär’ nicht geboren!
Und Judas fragte: Was ist der Gewinn?
Die Silberlinge brachten ihm kein Glück.
Er gab den Hohepriestern sie zurück
Und gab am Baum sein Leben danach hin.
Erfüllte so die Weissagung des Buchs,
Dass möge entsteh’n ein Äon von Licht,
Denn wie es prophezeit, so sei es. Drum …
Ein Gros an Ohren diesem Baume wuchs!
Er ging in die Wolke von Licht, so spricht
Das heil’ge Judas-Evangelium.
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Wie man einen erfolgreichen Evangelisten erwählt (R.E.H.)
Erst finde einen Mann mit Lobgesang,
Des Ruf kann schütteln noch den höchsten Turm.
Hat er Rivalen, hetze Lügensturm.
Gib ihm das Wissen, so er hat den Klang.
Dann sieh, dass er mit anderen gut kann.
Ein Mann von sorgsam unterdrücktem Drang
Doch Attraktivität im Überschwang —
So kommt er sicherlich bei Frauen an.
Er sei auch taktvoll — Kein Gerücht komm vor
Auf seinem Weg. Sein Urteil ungedämpft
Sei laut wie das Böse, das er bekämpft.
Von Rohheit mit dem Anstrich von Humor.
Der sollte sicherlich die Büchse füllen
Und 10.000 Sündern den Weg enthüllen.
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HP Lovecraft über Goethe
Im Abendland, wo der Teutone sich,
Da er doch stets zum Mystischen tendiert,
Aus schwarzen Wäldern südlich orientiert,
Sowie der Kelte, noch erinnerlich
Druidischer Kulte und Opfergaben,
Nahm kosmisches Grauen Intensität,
Ernsthaftigkeit an, die heut’ noch besteht,
Die alte Schrecken verdoppelt haben.
Der Vetter auf dem Kontinent zeigt sich
Dem kosmischen Grauen sehr empfänglich:
Ein Reichtum unheimlichen Stoffes braust
Durch DIE Tragödie aller Zeiten,
Die die höchsten Gipfel kann bestreiten,
Goethes unsterbliches Meisterwerk Faust
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XVIII. Verwobenheit
Du musst versteh’n, dass eines ist wie Zehn,
Dass Zwei ist fünf zu jeder Seiten Hand,
Dass Drei wie Neun gibt Fläche dem Verstand,
Durchs Fadenkreuz der Viere anzuseh’n.
Gib Acht, wenn Zweie sind im dunklen Raum,
Wenn das Produkt geht über in Potenz.
Der Körper dehnt sich aus und zeigt Präsenz
In Überlappung, wie das Hirn im Traum.
Hier wirkt ein Kosmos jenseits von Euklid,
Und greifbar ist nur unsere Kettenglied,
Verknüpfung es jedoch mit Allen hat.
Verwoben ist alle Geometrie,
Doch armselig such ich nach Symmetrie
Und was ich schaffe, ist nur ein Quadrat.
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XXX. Hexenwerk
Es gibt keine Hexen, es sei denn man
Glaubt auch an das Einhorn und Nixenwesen,
Von denen in Märchen oft ist zu lesen,
Von Spukgestalten und vom schwarzen Mann.
Es gibt keine Hexen doch Hexenwissen
Als Aberglaube hinter Religion
Und weitergereicht seit Anbeginn schon,
Bis Inquisitionen Ketten zerrissen.
Kezajha auf dem Scheiterhaufen stand,
Doch ist sie dort nicht lichterloh verbrannt.
Bevor sie verschwand, hat sie noch gelacht.
Es gibt keine Hexen, es sei denn sie
Nutzt Raumzeitkrümmung und Sub-Symmetrie.
Wenn das sie allerdings zur Hexe macht, ….
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Der Sturm
Doch Ephraim Waits Tochter Azenath,
Ein Wenig zu alt für das College war sie,
Es heißt, eine Kommilitonin, die schrie
— nicht als sie das mit dem Wetter erzählt hat,
— nicht als der Himmel sich plötzlich zuzog,
Obwohl Azenath es so prophezeit;
Und sei zu Größerem auch noch bereit.
— nicht als der Wind den ganzen Wald bog.
Die Studentinnen sahen es nur stumm.
Da drehte Azenath sich langsam um,
Wie um zu zeigen: Dies ist kein Betrug!
Sie ging zu ihrem Platz und hat sich gesetzt.
Sie atmete tief, dann sagte sie: Jetzt.
Grad als der Blitz in den Glockenstuhl schlug.
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Flammender Marmor (R.E.H.)
Ich schlug ein Weib aus kaltem Marmorstein
Mein Ruhmeshall selbst bis Athen noch tönt,
Den Myrthenkranz im Schrein mein Name krönt.
Mein Werk, es konnte kunstvoller nicht sein.
Der weißen Schönheit hauchte ich sie ein,
Die Flamme, die unmenschlich noch verschönt,
Ihr war vom Sockel steigen gar vergönnt,
So herzzerreißend fing sie Seelen ein.
Und ohne Seel und ohne Menschenherz
Auf sterbliche Liebe herab sie schaut.
Und sogar mich zum Opfersteine zerrt’s;
In freudloser Lieb’ nahm ich sie zur Braut.
Unsterblich kalter Hass schaut mich nun an,
Und hält mit Eisesblicken mich in Bann.
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XXIV. Hexakosioihexekontahexaphobia
Seit man das kleine Einmaleins gelehrt,
Seit Ziffern man in lange Reihen stellt,
Sich fragt, was diese Welt zusammenhält,
In Relation das Zahlenbild verstört.
Aus Quersumme, aus Wurzel und Potenz
Eröffnen Daten einen tief’ren Blick.
Und gehen wir den Rechenweg zurück
Ergibt sich grauenvollste Konsequenz.
Ich zähl die Stufen, Ziffern an der Tür,
Und unterm Strich das Unheil ich verspür’.
Vehiculum vermaledeiten Zwecks
Ist jede Zahl, das Schicksal in gespiegelt,
Wird durch die Numerologie besiegelt
Was unterzeichnet wird mit sechs sechs sechs …
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Die Weisheit
Im alten Ägypten hatte man Kenntnis
In Bildersprache auf Papier gebannt.
Das Meiste davon ist jedoch verbrannt.
Ägyptens Weisheit lag wie im Gefängnis —
Die Wissenstempel wurden zum Verhängnis
Als Alexandria in Flammen stand
Und jegliches Papier Vernichtung fand.
Der Fortbestand befand sich in Bedrängnis.
Die tiefe Weisheit schien als zu riskant,
Man gab sie nicht den Priestern in die Hand.
Dies schien ein viel zu hohes Risiko,
Da Tugend immer schon Verführung fand.
Das Laster aber sicher hat Bestand. —
So legte man die Weisheit ins Tarot.
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XXXV. Ein Gerücht
Es gibt das NECRONOMICON zum Kauf!
Ist etwas heißbegehrt, so taucht es auf.
Die Nachfrage bestimmt den Marktverlauf,
So gibt es heute Fälschungen zuhauf!
Das erstaunlichste Werk darunter ist
Angeblich persönlich diktiert vom „Biest“,
Von Aleister Crowley, ein Okkultist,
Das sich erstaunlich beunruhigend liest.
Der hätte vor Reinkarnationen,
So heißt es, schon bei den Pharaonen,
(Doch wimmelt es hier von falschen Indoktrien.)
Den Anstoß zu diesem Buch gegeben.
Erstaunlich doch ist: Im echten Leben
Traf Crowley -- vor Lovecraft noch! -- Sonia Green.
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XVIII. Dismorphophobia
Was nur, in 1000 kleiner Teufelsnamen,
Ist da in seine rechte Hand gefahren?
Als ob die Finger, die mal seine waren,
Jetzt eignen Willen, bösen Geist bekamen.
Und diese Rechte griff ihn tückisch an.
Sticht ihm ins Auge, schlägt ihm ins Gesicht,
Geht an den Hals ihm. Und es endet nicht,
Bevor er von der Hand sich trennen kann.
Und Ashley Williams unerschrocken nimmt
Die Motorsäge. Ein gezielter Hieb.
Das Blut spritzt, dass das Zimmer darin schwimmt …
Und zuckend sie am Boden liegen blieb.
Doch: Sie ruht nicht! — Ihm wird ganz blümerant:
Sie greift nach ihm, die abgetrennte Hand.
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V. Nach E.A. Poe
Die Engel saßen im Theatersaal,
(Wie Edgar Allen Poe es einst beschrieb)
Ergötzten sich stumm am Theaterbetrieb,
Ob er dramatisch sei, ob trivial.
Nach Gottes Abbild kostümiert sodann,
— und orchestral ertönen Sphärenklänge —
Zieht eine puppenhafte Mimen-Menge
Das Publikum in ehrfurchtsvollen Bann.
Doch da! Inmitten dem Schauspielgedränge,
Bevor noch das Stück sich zieht in die Länge,
Erhebt sich von Blut und Wahnsinn ein Sturm;
Ein Untier erscheint, sich windet und windet,
Verschlingt die Szene. — Das Publikum findet:
Das Stück hieß „Mensch“ und der Held war der Wurm!
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XXXIV. Für Valentin Jeker
… und Valentin Jeker sprach als Regisseur
Nach einer geprobten Theaterszene
Zum Schauspieler, den ich hier nicht erwähne,
Jedenfalls zum agierenden Akteur:
„Ich vermisse“ sagte erfuhr „die Angst.“
— Ich kann nur vermuten, er meinte wohl,
Die Szene sei irgendwie noch zu hohl,
Er könne nicht erkennen, dass du bangst.
Der Darsteller daran wohl nicht erfreut sich:
„Ich spiele doch die Angst schon ÜBERDEUTLICH:“
Ruft dieser über den Theatergraben
Zu Jeker im dunklen Saal, der wohl nie
Zufrieden sich gibt. — Drauf die Regie:
„Du sollst die Angst nicht spielen, sondern HABEN!“
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XXXV. Pyrophobia
Die Lehrerin hat laut mich ausgelacht,
Als ich erklärte, Feuer sei wie Leben,
Es könne wachsen und nach Nahrung streben. —
Das hätte ich mir blumig ausgedacht,
Ich hätte offenbar viel Fantasie. —
Sie aber hat noch nie gesehen,
Wie aus dem Feuer Leben kann entstehen.
Den Karakal von Kadath sah sie nie!
Wie Flammenwürmer gierig um dich züngeln,
Mit Flammenlefzen hungrig dich umzingeln,
Und wie ihr Biss verdorrt die Hand,
Die danach greift. — Sie lachte laut mich aus!
Ich zog ganz eigene Schlüsse daraus:
Man fand sie in ihrem Auto — verbrannt.
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XXXVI. Brenne!
Verbrenn' es, verbrenn' es, verbrenn's schon! Brenn's!
Vernicht' es im Feuer, verbrenn's sofort,
Im Feuer jegliches Wort so verdorrt.
Vernichte zu Asche die Pestilenz.
Verbrenn's! -- Bewahre die Unwissenheit.
Ein Schlüssel?! -- Zerreiß es! s'ist nur Papier!
Zerfetz es und sprenge damit die Tür.
Sein Feuerschein schleuse am Tor der Zeit.
Befreit von der Zeit erst, sind wir bereit
In friedfertiger Glückseligkeit ...
Verbrenn' das Zeugnis des Wahns, verbrenn's:
Dem Leben entgegen stellt sich der Geist
In Sphären, von Körpern unbereist.
Verbrenn' es, vertilg' seine Existenz.
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XXXV. Lovecrafts Ende
Dass seine Schöpfung weiter Keime treibt,
Dass irgendetwas von ihm länger bleibt,
Das sei ihm heute völlig ungenommen. —
Ihm wär es niemals in den Sinn gekommen!
Der längste Schatten ist der eines Buchs,
Der eines bösen Buches, des Versuchs
Und der Beschwörung eines alten Fluchs,
Aus dem ein Eigenleben dann erwuchs.
In seiner Geburtsstadt ruht sein Gebein.
Ein Darmkrebs beendete schmerzhaft ein
Bescheidenes Leben -- wenig Vergnügung.
Es mochten „Kultisten“ gewesen sein,
Die meißelten später ihm in den Stein:
„I AM PROVIDENCE“ also: Ich bin Fügung.
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XXXVI. Die Lampe des Al Derleth
In der scheinbaren Wärme ihres Lichtes,
Im fahlen Lampendämmerschein sich bricht es,
In seiner erkennbaren Farbe spricht es,
Es öffnet flüsternd dein Selbst — und besticht es.
So mancher Hirte betet und erbleicht,
Wenn dieses Licht erst uns’re Welt erreicht,
Wenn Dunst und Flamme das Gehirn erweicht,
Auf dass man dieses Feuer weiterreicht.
Finde die Lampe und nimm Derleth’s Feuer,
Von Großvater Whipple das Abenteuer,
Das Öl spendet jeder Außenseiter;
Man braucht davon nur einen kleinen Spritzer.
Wir sind uns einig als Lampenbesitzer:
Wir schreiben das Wahnsinnsgebäude weiter.
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XXXVI. Zu einer Null (nach HPL)
Mein Leben ist so still, ereignislos,
Dass es erbärmlich glanzlos wirken muss,
Geboren am zwanzigsten des Augustus
Als einer stolzen Linie letzter Spross
In Providence, Rhode Island. Dort hab ich
Die meiste Zeit meines Lebens verbracht.
Ich mag den Sonnenuntergang. Bei Nacht
Schreib ich. Die Sterne faszinieren mich.
Ich schreibe nie, wenn mir die Regung fehlt.
Viele Geschichten, von Träumen beseelt,
Entbehren nicht einer Armseligkeit.
Ich ringe um Ausdruck, doch echte Wucht
Gibt kosmisches Grauen mir nur, zur Flucht,
Der Flucht aus bedrückender Wirklichkeit.
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XXXV. Auf einem abgelegenen Friedhof
in Providence, den einst Poe beschritt
Die Schatten brüten hier für immerfort,
Träumen von Jahrhunderten Vergangenheit;
Die Ulmen wölben sich seit ehedem am Ort
Ob Grabeshügeln, Welt versteckter Zeit.
Umspielte Szene von Erinn’rungslicht,
Und totes Laub verblich’ner Tage spricht
Von Klang und Bild, das lange schon entzweit.
Einsam und trüb ein Geist gleitet entlang
Reihen, die er beschritt einst zum Besuch;
Kein Alltagsblick erkennt’s, doch sein Gesang
Erschallt noch fort mit einem Zauberspruch:
Nur wer in Zauberkenntnis virtuos,
Erheischt zwischen Gräbern den Schatten Poes.
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Rebellion (R.E.Howard)
Zum Himmel Marmorbildnisse sich heben
In blinder Geste wie zu Schag und Biss
Nicht einer, den es nicht vom Sockel schmiss
In steifen Fingern flüstert Wind daneben
Bis blasse Lippen Schreie wiedergeben:
„Verflucht die Hand, die und aus Bergen riss!
Der Ungeburt Schlummer war unser, bis
Sie gaben uns, was nicht hat Tod noch Leben.“
Doch dann, aus Traum erwacht, schüttelt es mich —
Erhaben die Köpfe zum Himmel ragen,
Und rein und weiß aus dem Blättergrün sehen.
Kein Glied sich rührt, kein Seufzen höre ich;
Und Leute im Vorübergehen sagen:
„Wie friedlich die weißen Götter dort stehen!“
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Sonnet (Frank Belknap Long)
Die Götter sind tot. Beerdigt noch kaum,
Sind weniger als Schatten unsrer Sicht;
Jung Helios verbannt von Freudenlicht,
Der einst trug Flammen überm Kleidersaum.
Osiris als die Welt noch jung schon starb,
Und sie war alt als Bacchus dann verging;
Ein Licht unsterblich noch darüber hing
Doch wieder einmal Er am Kreuz verdarb.
Die Welt ist einsam ohne Götter nun
Wir steh’n verloren unterm Himmelszelt,
Denn uns bleibt keine Freude mehr der Welt,
Bekommen fortan mit der Rute es zu tun
Von Hitze, Kälte und von Nöten schwer:
Es liegt kein Zauber mehr in Land und Meer.
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Das Abbild Gottes
Nach seinem Abbild schuf Mensch also Gott
Und weil er sich gut fand, schuf er ihn gut:
Der Mensch wurde mächtig und Gott absolut;
So wurde Gott bald poly-polyglott
Und duldete weder Frevel noch Spott.
Den Menschen überkam der Übermut,
Darüber merkt er nicht, dass, was er tut,
Im Grunde nichts andres ist als bigott.
Viel höher stände er als all die Affen!
Er sei kein Tier, so predigten die Pfaffen:
Gott schuf das Huhn und es legte das Ei. —
Das Ei aber ruft nun auf zum Boykott.
Des Menschen Gottesbild geht zum Schafott
Und in tausend Millenien ist alles neu.
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Jenseits der Zeit
Wenn Zeit nichts andres ist als Dimension,
Berechenbare Ausdehnung in Lichte,
Und Zeiteinheit auf Zeiteinheit Geschichte,
So zeigt die Skala jede Position,
Und weist dabei in die Unendlichkeit.
Doch da wir in der Endlichkeit verharren,
Bleibt Zukunft uns im Trüben, und wir starren
Durch blindes Glas auf die Weiten der Zeit.
Doch gäbe es Wesen andrer Struktur,
Materie völlig andrer Natur,
Sie sähen von oben auf den Maßstab
Und unsere Existenz erschien entleert
Und unser Ende nur ein Zahlenwert,
Es sei denn, sie kämen zu uns herab.
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Spiritismus
Die Numerologie und die Kabbalah,
Die Sternenbilder dort am Himmelszelt,
Sie geben trüben Ausblick auf die Welt,
Sie geben Maßstab nicht, jedoch sind Skala
Des Zaubers, der der Welt liegt inne.
Die Trance, die Traumgebilde, ebenso
Die tiefe, alte Weisheit des Tarot;
Erfahrenswelten jenseits unsrer Sinne,
Gefühl, das dem Symbole innewohnt —
Wir können ebenso daran orakeln,
Was Cirrus-Wolken an den Himmel krakeln.
Die Zeit wird zeigen, ob der Blick sich lohnt,
Doch wisse: Wer den Spiritus erblickt,
Auch manches Mal über sich selbst erschrickt.
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Superposition
In Fragen jeglicher Religion —
In Geistesfragen, was ist und was nicht,
Befinden wir uns aus logischer Sicht
In einer echten Superposition.
Die Superposition hat eine Schwingung,
Wie die Atomuhr gibt sie Zeiteinheit,
(Zerfalles Einheit definiert uns Zeit.)
Und jeglicher Berechnung die Bedingung.
Die Religion behauptet die Bestimmung,
Die Logik uns berechenbar nicht gibt.
Zerstückelung der Zeit bedeutet Trimmung,
Die jeden Pantheismus teilt, zersiebt.
So folglich ist, was uns scheint vorbestimmt,
Nur Wille, der in Existenzen glimmt.
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XXXVI. Beständigkeit
In manchen alten Dingen ist ein Hauch
Von dunklem Geist — mehr denn Form und Gewicht;
Ein feiner Äther, zu bestimmen nicht
Und doch mit Zeit und Raum verkettet auch.
Verhülltes, mattes Zeichen von Bestand,
Das äußeres Aug’ nimmt niemals ganz wahr;
Versperrter Dimensionen, manches Jahr,
Höchstens geheimen Schlüsseln je bekannt.
Am meisten rührt mich schräger Sonnenstrahl,
Der sich auf alte Berggehöfte neigt,
Lebendig erhaltene Formen zeigt,
Jahrhunderte, die nicht im Traum real.
In diesem fremden Licht fühl ich nicht weit
Mich starrer Masse, den Flanken der Zeit.
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Klagelied für den Künstler (R.H.B.)
Oft Poesie beschließt mit düstrem Klang,
Dass, was wie Lauten schien, ist Spielzeugkrach,
Was Feigling zum Nahen des Todes mach;
Der Mensch stirbt wahrlich widerwillig bang.
Ruhm, Ehre, Lieb’, die ganze Bande breit,
Wie eines Urahns Lügen Trost soll sein,
Beschwichtigen das Kind wenn Nacht bricht ein;
Der Mensch gebor’n, damit den Tod er reut.
Vergeblichkeit mein Thema, wie vergebens
Der Schönheit Saat in Ton und Reim zu hegen;
Die Blüte sei der Zeit bald unterlegen,
Hält nicht lang Stand dem Druck des Winterregens.
Das Stundenglas — Die Pest ihm an den Hals!
Gibt Zeit für ein Sonett mir, bestenfalls!
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Sonett (R.H.Barlow)
Die Felder ich durchschritt im Sonnenlicht,
Den Stein hab ich, die Blume auch gefunden,
Sind hinter mir; weiß ich zu sagen nicht,
Welch Färbung hatten die vergessen Stunden —
Der Vogel getötet ob Schwingen bunt,
Weint nicht in Erin’rung; Nicht suche ich
Verheißende Himmel, umher ich strich,
Die Traumklippe erreich am Nachtabgrund.
Und hier ich öffne des Gestrüpps Bewehrung,
Ergeben keinem Weg doch sehr dem Dunkeln,
Vom Mond unerleuchtet fordernden Schritts
Nach Zutritt durch unveränderte Jährung,
Und starre durch Nebel, bemerke Funkeln,
Ein Glanz in mir sich spiegelt, Flammenblitz.
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XXXV. Sonett über mich (von HPL)
Flüchtiger Fleck in weiter Ewigkeit,
Nutzloser Vorfall der endlosen Zeit,
Ein leerer Narr von Reim und Takteinheit,
Ein Ist-nicht, doch ein Scheint-zu-sein soweit
In Lied lebendig und Denkfähigkeit —
Gedankenkampf ihm das Seelchen begrenzt,
Bis versteckt Unverstand aus Versen glänzt,
In einz'ger Weisheit nur zu seh'n bereit,
Dass er nichts ist, und seinen Stift zum Schutz
Gegen die Reihen Arroganter stellt,
Von Barden, die himmelwärts zieh’n ungefragt;
Dem Herrn, dem Bauern, Mensch von Licht und Schmutz,
Der eitel sein Wort wert der Mehrung hält,
Sag ich, zur Ruh', was sonst wär' ungesagt!
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IX. Sternenreisen
Soll ich dich einem Erdentag vergleichen?
Beständiger und fortschrittlicher bist du.
Die Sonne kannst als Mensch du nicht erreichen,
In lächerlichen Zyklen immerzu.
Doch schaust bei Nacht du in des Raumes Ferne,
Ist jedes Licht dort oben eine Sonn'.
Zu jedem einzelnen der vielen Sterne
Fliegst du bei Nacht mit uns ins All davon.
Den Körper brauchst du nicht, wohin wir fliegen.
Wir tragen durch die Leere dich und weiter ...
Dein Geist soll über alles Ird'sche siegen,
Wo Azatoth sich suhlt in seinem Eiter.
Länger als Menschen atmen, Augen seh'n
Bleibt im Zylinder dein Gehirn besteh’n.
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XXXV. Nyctophobia
In Schwärze schwimmt der weite Teil des Alls.
Es tropft und sickert wie untoter Brei.
Es wirbeln Sinne haltlos und vorbei.
Hier schwebe ich und denke — bestenfalls.
Ich denke also bin ich. Doch was sei,
Wenn bleiern Nebel alles Denken nimmt?
Wenn Phantasmagorie von hinnen schwimmt,
Zerrinnt zu bloßer Schreckenshascherei?
Grimassen, Fratzen, Klauen, finst’rer Fleck,
Der hier auftaucht, — mal da, — mal im Versteck …
Ich gehe nicht — selbst wenn die Welt es schreit! —
Ins Licht. — Das Licht, ich hinterlass es euch.
Der Strudel saugt mich ein, — so ich entfleuch.
Das Hirngeflacker endet. — Dunkelheit.
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XXXV. Das geschwärzte Sonett
soweit.
Zeit
Unbeständigkeit.
bereit?
Bestand
anhand,
Tand
wie Sand.
Menschheit
gefeit
sei,
m Verstand
genannt.
— vorbei.
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XXXIV. Katatonia
Du hängst versteinert am seidenen Faden
Und regst du dich, ist dir der Sturz gewiss,
Von Sturm umtost in tiefster Finsternis,
Erstarrt zu hart um je sich zu entladen.
Dein Hals ist zugeschnürt, dein Atem flach,
Derweil die Hände zittern unstet dir,
Zum Sprung gewillt wie ein bedrohtes Tier,
Gelähmt jedoch, dabei erschreckend wach.
Das Hirngewitter flackert wie im Fieber,
Ob es soll aufbegehr’n, ob flüchten lieber
In Sicherheit, die du doch nie erlangst?
Umstellt, umzingelt, hoffnungslos bedroht
Von Unbekanntem schlimmer als der Tod,
Verharrst du als Gefangener der Angst.
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XXXVI. Das Licht der Angst
Die Lampe des Alhazred ist erloschen.
Das Licht ist abgesogen -- fort es kroch.
Im finstern Raume schwebe ich, und doch
Die letzten Phrasen sind noch nicht gedroschen ...
Das seltsame Öl, es ist verbraucht,
Es haucht als Nebel durch die Dunkelheit.
Er ist vorbei, der Flug durch Raum und Zeit;
Die Lampe hat ihren Geist ausgehaucht.
Doch als das Licht entschwand, war mir da nicht
Als würde sich erhell'n ein andres Licht?!
Als könne ich dann doch ein Jenseits seh'n?! --
So lange Menschen lesen, so lang bleibt,
So lang ein Träumer an der Lampe reibt ...
Bleibt dieses Licht der Angst in uns besteh’n.
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Das Necronomicon (in aller Kürze)
Das Necronomicon, das Necronom —
Ikon. Das Necronomicon, das — Nee!
Cronomicon, Necronomicon. Iääh!
Necro Nom Ikon. Necronom — Komm!
Nyarlathotep, der Bote! Nyar —
Lathotep. Nyarlathotep, Sein Bote,
Nyarlathotep, der dem Meister drohte.
Ny Arla Thot Ep! — … atho … , offenbar.
O Azathoth, O Azathoth, du bist!
Der gewesenen sein werden wird, wenn nichts ist,
Wenn Sternbilder die Wege bereiten.
Jenseits des Jenseits geschrieben es steht,
Dass Abdul Alhazred ist Dein Prophet,
Im bösen, bösesten Buch aller Zeiten.
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XXXIII. Im Teufelskreis
Nun, da ihr wisst, wie schlimm die Welt doch ist;
Gefahren überall, wo sie erdenklich,
Erweist sich einem jeden unerkenntlich,
Der seine Angst zu leichtsinnig vergisst;
Doch geben wir dem Angstimpuls uns hin,
Steigt unser Puls, in Wallung kommt das Blut.
Die Selbsterhaltung fordert dann Tribut
Und treibt zu Taten ohne jeden Sinn.
Wie in der Enge dem bedrohten Tier,
Erwachsen ungeahnte Kräfte dir;
Verzerrtes, bösartiges Angesicht.
Die Angst, die so hat wütend uns gemacht,
Hat Angst aus Wut und Wut zu Angst gebracht.
So bitte ich innig: Fürchtet euch nicht!
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Formophobia
Papier, das Stück um Stück ins Fleisch dir beißt
Und Fragen, deren Frager unbekannt:
Bedrohlich ist des Amtes Missverstand;
Papier, das dich von innen her zerreißt.
Nie wirst du ahnen, worum es sich dreht,
Denn was du sagst wird gegen dich verwendet.
Was nicht belegt ist, hast du nur verschwendet:
Es gilt, was in den Formularen steht.
Ohne Beleg bist du nicht existent.
Sieh zu, dass man an Zahlen dich erkennt!
Du glaubst, du bist ein Mensch? — Da glaubst du schlecht.
Ein Mensch wirst du vielleicht gewesen sein —
Geburtsurkunde führt zum Totenschein,
Und ohne solche hast du gar kein Recht!
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Das Geschmeiß
Die erste kam sehr bald und ließ sich gleich
Am rechten Augenlid mir dreist sich nieder,
Und trippelte zum Nasenloch. Zuwider
War’s, ekelhaft — und ich wurd’ langsam bleich.
Sie putzte sich die Flügel und verharrte.
Die nächste ließ am Ohr mir keine Ruh.
Und später kamen weitere dazu —
Es waren Dutzende, als ich erstarrte,
Sie kamen wie zum Festmahl zu mir her.
Es wurden mit den Stunden immer mehr,
Umschwirrten mich wie einen Haufen Kot.
Der schwarzen Wolke dieser Fliegenplage,
Mein Körper dient ihr nun zur Eiablage …
Dabei bin ich doch einen Tag erst tot.
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XXXVI. Hypophobia
Ich habe keine Angst mehr, es ist aus.
Es ist, als wäre alle Furcht verbraucht,
Als wäre Zorn im Vornherein verraucht,
Im Voraus schon vergessen jeder Graus.
Und an den Schmerz erinnert mich nichts mehr.
Das Dunkel schwerer Stunden sei Vergessen.
Ob gut oder nicht, ich kann’s nicht mehr messen,
Denn wo es schlimm war, ist es nur noch leer.
Es mag wohl sein, — ich werd’ nicht danach fragen,
Dass irgendwann mein Herz hört auf zu schlagen,
Ich mache meistens wenig mir daraus.
Ich gehe meinen Weg unter Gewittern,
Auf schmalem Grad unter Granatensplittern.
Ich habe keine Angst mehr. Es ist aus.
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R.E.H.
By R.H.BARLOW
Der Kriegerkönig Conan liegt erstochen
Und unter Sternen tot. Es ist beraubt
Die kühle Welt ums jugendliche Haupt;
Die Laute seines Lachens ist zerbrochen.
Ihm gibt es nunmehr nicht mehr Kampfgeschrei.
Nur Klagelied wo einst Trompetenschall:
Erinn’rungs Leichentuch darüber fall,
Und Tages Streitgetümmel ist vorbei,
Das Blut vergossen diesem Freund der Schlacht,
Wie Männer Freund der Jungfer, kampfservil —
Sein junges Fleisch ward Marmor als er fiel
Gebroch’nen Schwerts, bezwingend alles, nur nicht Nacht.
Und wie von solchem König Mythos handelt,
So auch von Conan, der im Traumreich wandelt.
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Auctophobia
Wenn jedem Ursprung liegt ein Zauber inne
Seit dereinst Geist schwebt über dem Papier,
Wie Nekromantenwispern wirkt es hier
Und mag gedeih’n vom Keim bis auf zur Zinne.
So hat, sei’s über Jahre und Dekaden,
Sei’s für Jahrhunderte wie auch Äonen,
Des Werkes Urzustand man zu verschonen,
Der kryptisch ist mit Urmagie beladen.
Ob es auch flüstert, murmelt oder schreit —
Es läg mit meinem Sein doch stets im Streit,
Wenn Ursprungs Zauber ich zu Lichte brächt’.
Es wirkt und gärt und drängt heraus ins Jetzt.
So, hätte ich es im Zitat verletzt,
Verzeiht! — Ich fürchte das Urheberrecht.
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Pulp-Magazine
Wo soll mit meinen Ängsten ich nun hin,
Mit diesem widerlichen Potpourri
Von Ekel, Schrecken, Horror und Magie?
Es geht um Ausdruck mir, nicht um Gewinn.
Wer aber wertschätzt deren Sinn,
Wenn das Gemüt im Kern verstören sie?
Von Dunkelheit sie wollen hören nie,
Doch ich komm um das Schreiben nicht umhin.
Allein mit all dem Grauen steh ich hier
Und schreibe auf besudeltem Papier.
Ich suche dabei Halt nur, nicht Geschäft. —
So gebe ich das Wissen um Yuggoth
Und vom Dämonenfürsten Azathoth
Beharrlich weiter an ein Groschenheft.
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Im Dunkel nur (für Adam)
Stockfinster war’s im Flur und grade hatte
Die Tür geöffnet sich für den Moment,
Dass Einblick man erheischt, wo Licht noch brennt,
Sich dann jedoch in Dunkelheit verschatte,
Als wäre mit verschloss’ner Tür das Ende
Beschworen, der Erkenntnis und des Lichts,
Als gäb’ es diesseits jener Türe Nichts.
Man sieht hier vor den Augen nicht die Hände!
Als plötzlich Vaters Stimm’ die Stille bricht,
Die nah bei meinem Ohr im Dunkel spricht;
Sie klingt so nah, als wäre sie in mir:
Die Dunkelheit erst gibt dem Licht Gewicht.
Das Licht jenseits der Tür, Du siehst es nicht,
Doch spürst im Dunkel Du das Licht in Dir.
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Jenseits der Tür (C.A.S.)
Oh, ach! Vergänglich Träume sind doch immer,
Die, Rosen gleich, nicht blühen für und für!
Hauch unerahnter Dinge, dann die Tür
Der wachen Sinne, Ach! schlägt zu. Der Schimmer
Geheimnisses erheischt, des Lichtes Glimmer,
Der aller seltenst naht, als —Sieh! des Sarges
Dunkles Schleiertuch es fiel, alles verbarg es—
In dunklem Tageslichtes Strahlenflimmer!
Erinnerung nur bleibt in Flüchtigkeit —
Unirdisches Wort, noch himmlisch es schwingt,
Doch nimmer halb erinnert. Traum uns bringt
Wer-weiß-welch Botschaft aus der Ewigkeit,
Fremd transzendent! Wir bringen’s nicht mehr vor,
Was einmal schritt durch des Erwachens Tor!
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19.08.2023 am Morgen
O Gott! Du bist groß, viel größer als ich!
Der Mensch ist ein Staubkorn im weiten All,
Im Flug der Gestirne ein Zwischenfall.
Denn Deine Größe ist unermesslich.
Du bist im Kern zu finden selbst im Nichts.
Ein kleines Etwas nur bin ich, sind wir
Im minimalen Punkt des jetzt und hier,
Zu sein ein Teil nur Deines Angesichts.
Ich bitte Dich, den ich werd’ nimmer seh’n,
Mach unsre Existenz nicht ungescheh’n;
Halt’ das was fühlt und atmet und hat Blut,
So unbedeutend es auch scheint — ich bin!
Bleibt uns auch verborgen jeglicher Sinn,
Halt unser Sein in Deinem Sein für gut.
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H.P.L. (by C.A.S)
Der Dimension der Zeit noch außen vor,
Den wandelnden Sphären, Räumen und Himmeln —
Trotz des Planetengezüchtes Wimmeln
Sei der Moment zerstört — Er nicht verlor,
Unsterblich in Suche und Ritt er bleibt,
In Pnath’s Königreichs geheimer Mission,
Auf schmuckem Pfad, Bote oder Spion,
Über Buchten, unter Göttergeleit.
Sein Wiederhall der Stimm’, sein Wort verloren,
Folgt im Tempo dem Licht. Überspann
Die sternengegebenen Grenzungen des
Sich dreh’nden und drehenden Alls, zu Ohren
Wenn aller Welt Jetzt, Sphären sind des Endes
In andrem Spika, andrem Aldebaran.